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Brutal schön

Von DAVID KLAUBERT und ANDRÉ VIEIRA

Rio de Janeiro ist eine der widersprüchlichsten Städte der Welt: bezaubernd schön und unfassbar brutal. Wer die Olympiastadt verstehen will, muss ihren Bewohnern zuhören.

Mit dem Namen geht es schon los. Rio de Janeiro. Mehr als sieben Monate war der portugiesische Seefahrer Gaspar de Lemos unterwegs, als er Anfang des Jahres 1502 in einer Bucht ankerte. Sie war umgeben von Dschungel und wundersam gerundeten Granitfelsen, einer erhob sich wie ein Wächter am Eingang. Geblendet von dieser Schönheit, heißt es, hielt de Lemos die Bucht für die Mündung eines großen Flusses. Und so nannte er den Ort irrtümlich Rio de Janeiro. Januarfluss.

Falsch! Sagen andere Historiker. Das Wort rio war im Portugiesischen des 16. Jahrhunderts eine Sammelbezeichnung für allerlei Gewässer, für Flüsse, Meerbusen, Buchten. Der große Entdecker de Lemos lag also richtig. Die viel erzählte Geschichte vom Irrtum ist ein Irrtum.

Typisch Rio: Nichts ist in der diesjährigen Olympiastadt so eindeutig, wie es erzählt wird. Über kaum eine Stadt gibt es so viele Geschichten, kaum ein Name ruft so viele Bilder hervor wie Rio de Janeiro. Die einen erzählen von der schönsten Stadt der Welt, von Copacabana, Caipirinha und Karneval. Die anderen von Krieg. Von Chaos und einer verpesteten Bucht. Mal gewinnen die einen Geschichten, mal die anderen. Aber zusammenpassen wollen sie nie. Und so ist die erste Frage, die man den Menschen in Rio stellen will: Himmel oder Hölle?

Rio ist eine Stadt der Extreme. Selbst ihre Taxifahrer kennen nur zwei Gangarten: Stau oder Vollgas. Auch wenn es nur fünfzig Meter Vollgas sind, um dann wieder fluchend im Stau zu stehen.

Rio ist wunderschön, sagt Antonio Paulo Pitanguy Müller. Und er ist einer, der sich auskennen sollte. Sein Großvater Ivo Pitanguy war ein Pionier der Schönheitschirurgie. Er wurde „Michelangelo des Skalpells“ genannt. Brigitte Bardot, Sophia Loren und Zsa Zsa Gabor sollen seine Dienste in Anspruch genommen haben. Er gründete eine Schule für Schönheitschirurgen, an der auch Antonios Vater lernte. Und nun Antonio selbst.

Er ist im zweiten Jahr der Ausbildung. Und bis zum Tod seines Großvaters Anfang August besuchte er ihn, wann immer er Zeit hatte, in dessen Haus im Villenviertel Gávea. Die beiden sprachen über Skalpellschnitte und philosophierten über die Schönheit. Sie saßen auf der Veranda im kühlen Schatten des Dschungels, der die Villa umschließt. Durch Lücken im Dickicht schimmerte türkisgrün das Meer.

Wo gibt es das schon: eine Millionenstadt zwischen Hügeln, Wald und Wellen? Die Natur gibt Rio einen Rahmen. Immer finden die Augen Ruhepunkte, wenn sie müde sind vom urbanen Irrsinn. Der Horizont über dem Meer, die Granitfelsen, die tausend Grüns des Atlantischen Regenwalds, der an vielen Stellen bis weit in die Stadt zu wuchern scheint, auch wenn es eigentlich andersrum ist. Auf dem Stromleitungsgewirr der Wohnviertel huschen Weißbüscheläffchen über die Straßen. Selbst in den Hochhausschluchten von Copacabana stehen knorrige Seemandelbäume.

Und die langen Strände im Süden der Stadt sind weit mehr als nur Ferienkatalogskulisse. Sie sind Lebensraum der Cariocas, wie die Einwohner Rios heißen. Hier verbringen sie ihre Wochenenden. Hier begegnen sie sich, ob arm oder reich, schwarz oder weiß, dick oder dünn. Alle tragen gleich knappe Bikinis, hautenge Badehosen. Und gegen die Hitze trinken sie cerveja estúpidamente gelada, „idiotisch kaltes Bier“. Der Strand ist demokratisch, sagen die Cariocas. Das stimmt zwar nicht, denn Vorurteile und Misstrauen werden auch im Sand nicht begraben. Aber nirgends in der Stadt sind die sozialen Grenzen unsichtbar wie am Strand.

„Rio ist eine unglaublich inspirierende Stadt“, sagt Gabriel Gitahy da Cunha. Er ist zwanzig. Und weil er zwei Monate zu früh zur Welt kam, musste er die ersten Tage seines Lebens im Brutkasten verbringen. Der Sauerstoff darin zerstörte die Netzhäute seiner Augen. Seine Stadt nimmt Gabriel deshalb vor allem akustisch wahr. „Der dominierende Klang ist die Musik“, sagt er. „An jeder Ecke hörst du einen anderen Stil.“

Gabriel stammt aus Irajá, einem Viertel im Norden. Dort ist auch der Samba groß geworden. In der Südzone, in Ipanema und Copacabana, ist der Bossa Nova entstanden. Jugendliche in den Favelas haben aus amerikanischem Rap den Baile Funk gemacht, Rhythmen und Sprechgesang so hart wie ihre Realität. Zuwanderer aus dem Nordosten Brasiliens haben den Forró mitgebracht, polkaähnliche Tanzmusik mit Trommel, Akkordeon und Triangel.

Die gängigen Klischees über Rio sind nicht falsch. Aber sie verdecken die Vielfalt und das Leben, das dahinter steckt. Auch beim Samba selbst ist das so, dem Rio-Abziehbild Nummer Eins. Jedes Jahr wieder wird ein lasziver Karnevalsrausch mit blanken Brüsten gezeigt. Natürlich gibt es die, aber sie sind nur Details. Fast ein Jahr lang bereiten sich in jeder Sambaschule mehrere Tausend Leute auf den großen Moment im Sambodrom vor. Sie nähen, proben, singen, tanzen. Eltern, Kinder und Großeltern.

„Samba ist magisch“, sagt Gabriel. Jedes Wochenende tritt er bei traditionellen Sambarunden auf oder gibt eigene Konzerte. Und man mag ihm kaum widersprechen angesichts der Heiterkeit, der man gemeinsam mit ihm begegnet. Die Lebensfreude der Cariocas ist mehr als ein Karnevalskostüm. Allen Problemen zum Trotz.

Auch Antonio, der Schönheitschirurg, kann von der dunklen Seite Rios erzählen. Nach seinem Studium arbeitete er zwei Jahre lang in einem öffentlichen Krankenhaus in Marechal Hermes, einer Vorstadt weit draußen. Im Rücken der Christusstatue. „Die Chirurgen dort“, sagt er, „sind wahre Helden. Sie arbeiten unter Kriegsbedingungen.“

Eine Stadt im Krieg?

Im vergangenen Jahr sind in Rio nach offiziellen Angaben 1202 Menschen ermordet worden. Das sind deutlich weniger als vor zwanzig Jahren. Aber noch immer extrem viele. In Deutschland gab es im selben Jahr 296 Morde. Und noch eine Statistik zeigt das Ausmaß der Gewalt: Von den sechs Millionen Einwohnern Rios sind 53,2 Prozent Frauen und 46,8 Prozent Männer. Dieser Unterschied ist zu groß, um mit der natürlichen Geburtenrate oder der unterschiedlichen Lebenserwartung erklärt zu werden. Es gibt ihn, weil die allermeisten Gewaltopfer in Rio eines gemeinsam hat: Sie sind männlich, jung und schwarz.

So wie Caio, der Sohn von Denize Moraes da Silva. Er lebte mit seiner Freundin und seinen Söhnen im „Complexo do Alemão“, einer weitläufigen Ansammlung mehrerer Favelas. Dort arbeitete er als Motorradtaxifahrer. Und dort wurde ihm nach Tumulten bei einer Demonstration in den Rücken geschossen. Die Kugel stammte, das ergab die kriminaltechnische Untersuchung, aus der Pistole eines Polizisten. Der wurde des Totschlags angeklagt, doch der Prozess zieht sich hin. Der Angeklagte arbeitet nun im Innendienst.

Wie gefährlich Rio ist, hängt davon ab, wo man lebt. Die Wahrscheinlichkeit, einen gewaltsamen Tod zu sterben, ist in den Vierteln im Norden und Westen der Stadt zehnmal so hoch wie in der Südzone. „Polizisten, die in die Favela kommen, sind bis unter die Zähne bewaffnet, so als wäre jeder hier ein Verbrecher“, sagt Caios Mutter Denize.

Jeder fünfte Carioca lebt in einer Favela. Die gehören zum Bild von Rio wie der Zuckerhut. Überall in der Stadt ziehen sie sich die Hügel hinauf, ziegelrot tagsüber, wie funkelnde Sterne in der Nacht. Sie quetschen sich hinter die Viertel der Reichen, in der Peripherie sind sie weitläufig und flach. Das Wort „Favela“ bezeichnete ursprünglich eine Kletterpflanze, übersetzt wird es oft mit „Elendsviertel“. Ist das richtig?

Der Begriff der brasilianischen Statistikbehörde für Favelas ist aglomerados subnormais – unterdurchschnittliche Ansiedlungen. Definiert werden sie vor allem durch das, was fehlt: klare Eigentumsverhältnisse, reguläre Straßen, Müllabfuhr und andere öffentliche Dienste. 763 solch informeller Ansiedlungen gibt es in Rio. Viele Bewohner selbst sprechen vom morro, vom Hügel, im Gegensatz zum asfalto, dem Asphalt der Viertel unten. Und statt Favela sagen sie fast immer communidade, Gemeinschaft.

Viele Favelas sind wie aufeinandergestapelte Dörfer. Die Nachbarn kennen sich, manche Familien wohnen schon seit Generationen hier. Weil rechts und links im Gassengewirr kein Platz mehr ist, erweitern sie ihre Häuser Stockwerk für Stockwerk nach oben. Und im vergangenen Jahrzehnt wurde viel gebaut. Die neue Mitteklasse Brasiliens, die in den Boomjahren unter Präsident Lula da Silva entstanden ist, lebt auch in den Favelas. Putzfrauen, Busfahrer, Handwerker und Selbständige wie Denize, die im „Complexo do Alemão“ eine Agentur für Kleinkredite führt. Sie wohnen in mehrstöckigen Häusern, mit Flachbildfernseher, Kunstledersofa und Grill auf der Dachterrasse.

Natürlich gibt es auch Elend in den Favelas: aus Brettern und Planen zusammengeflickte Baracken, Müll, Dreck und Kinder in Lumpen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind vor seinem fünften Geburtstag stirbt, ist viermal so hoch, wenn es in der Favela Rocinha aufwächst statt im direkt angrenzenden Villenviertel Gávea. Krankheiten wie Dengue und Zika peinigen Favelabewohner viel häufiger. Der Anteil der Analphabeten ist höher, die Bildung niedriger. Wer eine Adresse in einer Favela hat, hat bei Bewerbungen geringere Chancen. Aber wie immer in Rio ist die Realität komplexer als ein Begriff wie „Elendsviertel“ es beschreiben würde.

Das große Problem der Favelas ist, dass der Staat über Jahrzehnte so tat, als gäbe es sie nicht. Drogenkartelle übernahmen die Kontrolle. Oder Milizen, die gegen Schutzgeld die Drogenbanden fernhalten. Weniger brutal sind sie nicht. Seit November wurden in Milizgebieten in Rios Vorstädten neun Lokalpolitiker erschossen.

Um die Gewalt einzudämmen, stürmten Militär und Polizei vor einigen Jahren ein paar Dutzend Favelas. Sie richteten feste Reviere ein und gaben ihnen den Namen „Befriedungspolizei“. Und tatsächlich sank in den besetzten Vierteln und rundherum die Kriminalität. Mit den Polizisten kam der Staat, kamen Müllabfuhr, Gesundheitsposten, Stromleitungen und im „Complexo do Alemão“ sogar eine Seilbahn. Aber all das kam viel zu zögerlich, um Jahrzehnte der Vernachlässigung aufzuholen. „Oft werden wir als Polizei alleingelassen“, sagt Bianca Neves Ferreira da Silva, die im Kommando der „Befriedungspolizei“ arbeitet.

Nun gerät die Situation wieder außer Kontrolle. Seit Jahresbeginn wurden in Rio 61 Polizisten getötet. Die Polizei tötete mehr als 300 Menschen. Die unheilvolle Spirale dreht sich. Und die Rückkehr der Gewalt betrifft nicht nur die Favelabewohner. Alle drei Minuten wird jemand überfallen. Ein Bodyguard des Bürgermeisters wurde erschossen, als vier Banditen sein Auto rauben wollten.

Brasiliens Wirtschaft liegt am Boden. Besonders schlimm hat es den Bundesstaat Rio de Janeiro getroffen. Dort ist die Ölindustrie angesiedelt, die noch vor Kurzem eine glänzende Zukunft versprach. Nun siecht sie dahin. Rio ist pleite. Die Polizei hat kein Geld mehr für Benzin. Den öffentlichen Krankenhäusern gehen Medikamente und Ärzte aus. Und dann ist auch noch der neue Radweg, der von der Südzone zu den Olympischen Stätten im Westen führen sollte, drei Monate nach der Einweihung eingestürzt. Zwei Menschen starben. Die dunklen Geschichten über Rio werden wieder mehr.

Rio verstört. Und bezaubert. Rio ist bezirzend schön und unfassbar roh zugleich. Himmel und Hölle. Und irgendwo dazwischen spielt sich das Leben der meisten Cariocas ab.

Niemand kann davon besser erzählen als sie selbst. FAZ.NET hat deshalb fünf von ihnen begleitet: den Schönheitschirurgen Antonio Paulo Pitanguy Müller, den Sambasänger Gabriel Gitahy da Cunha und die Kleinunternehmerin Denize Moraes da Silva, die nach dem Tod ihres Sohnes keine gebrochene Frau ist, sondern sagt: „Ich versuche so zu sein, wie er mich am liebsten hatte: lachend, fröhlich, schön.“ Die Polizistin Bianca Neves Ferreira da Silva, die in den Straßen von Rio selbst Angst hat, die Hoffnung aber nicht aufgibt. Und den zehnjährigen Miguel, der davon träumt, eines Tages als Judokämpfer bei Olympischen Spielen dabei zu sein.

Lesen, sehen und hören Sie selbst:

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Idee, Texte und Videos: David Klaubert
Fotos: André Vieira, Agentur Focus
Multimedia: Carsten Feig, Bernd Helfert
Videoschnitt: Daniel Blum, David Klaubert
Zusätzliches Bildmaterial: Betinho Casas Novas (Voz das Communidades), Coletivo Papo Reto
Musik: Modern Jazz Samba (Kevin MacLeod, incompetech.com), Casa Bossa Nova (Kevin MacLeod, incompetech.com), Sunny Day (musicloops.com), Groovy Hip Hop (Bensound)

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 31.07.2016 13:23 Uhr