https://www.faz.net/-gum-nkw6

Mount Everest : "Ihr werdet als Deppen zurückkommen"

Vor 25 Jahren erreichten Messner und Habeler den Everest-Gipfel ohne Sauerstoffgerät Bild: dpa

Vor 25 Jahren bestiegen Reinhold Messner und Peter Habeler den Mount Everest ohne Sauerstoffgeräte. Eine dramatische Exkursion am Rande der menschlichen Belastbarkeit.

          Die Nacht im Zelt war kurz und eisig. Drei Uhr morgens, der Tag beginnt mit Teekochen, Anziehen, Fertigmachen zum Abmarsch. In knapp 8000 Meter Höhe eine stundenlange Prozedur. Um halb sechs endlich steigen Peter Habeler und Reinhold Messner aus dem Zelt nach draußen. Beißende Kälte. Wolken verbergen den tags zuvor noch blauen Himmel, ein scharfer Wind treibt Graupelkörner über den Sattel, dicke Nebelballen verhüllen die Täler. Sie wissen, dieser Tag ist ihre letzte Chance, einen gescheiterten Versuch haben sie schon hinter sich. Und so stapfen sie los, mit bleischweren Beinen.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es ist der 8. Mai 1978, der Tag, an dem die beiden als erste Menschen ohne künstlichen Sauerstoff den Gipfel des Mount Everest erreichen wollen. "Ihr werdet als Deppen zurückkommen", haben die Ärzte sie gewarnt. Absterbende Gehirn- und Gewebezellen, drohende Bewußtlosigkeit, Verlust von Konzentration und kontrolliertem Denken: Wegen der unberechenbaren physiologischen Folgen des geringen Sauerstoffgehalts der Luft erscheint eine Besteigung des Everest ohne künstlichen Sauerstoff vielen Fachleuten als Himmelfahrtskommando. Dagegen stehen die Erfahrungen Messners und Habelers an anderen, niedrigeren Achttausendern und die Überzeugung der beiden Expeditionsärzte Raimund Margreiter und Oswald Ölz, die den Everest bei optimalem Training und richtiger Akklimatisierung auch ohne Sauerstoffgeräte für machbar halten. Das Rezept Habelers und Messners ist einfach: mit wenig Ausrüstung schnell auf- und absteigen, möglichst wenig Zeit in kräftezehrenden Höhen verbringen. Die klettertechnischen Fähigkeiten haben sie sich über Jahre in den Alpen erworben. Körperlich sind sie in Höchstform. Dennoch bleiben Zweifel.

          Angst vor der Atemnot

          "Nie hatte ich am Berg so viele ängstliche Momente wie dort", sagt der heute 60 Jahre alte Habeler. Die Ungewißheit über die Auswirkungen des Sauerstoffmangels, die Unsicherheit, wie der Körper reagieren wird, die Warnungen vor bleibenden körperlichen Schäden. "Ich wollte unbedingt gesund zurückkommen." Zurück zu Frau und Sohn, zurück zu dem Haus, das er im Zillertal, hoch über seinem Heimatort Mayrhofen, zu bauen begonnen hatte. Messner ist entschlossen, es auf jeden Fall zu versuchen. Heute sagt er zur ewigen Frage nach dem Sinn des Bergsteigens: "Vielleicht steigen wir nur hinauf, um wieder zu den Menschen zurückzukommen." Als der Österreicher Robert Schauer, als zäher, ausdauernder Bergsteiger bekannt, nach seinem Gipfelgang berichtet, ohne zusätzlichen Sauerstoff hätte er es nicht geschafft, ist Habeler hin- und hergerissen. Schließlich fragt er Ölz, ob dieser mit ihm eine Zweierseilschaft bildet - mit Sauerstoff. Doch Ölz ist für eine andere Gipfelgruppe vorgesehen. Deren Mitglieder sind verärgert über Habelers Gesinnungswandel. Als dieser das erfährt, steht seine Entscheidung fest. "Ich gehe mit dir", sagt er zu Messner. Ölz erreicht den 8850 Meter hohen Gipfel später mit einem anderen Seilpartner, Reinhard Karl, dem ersten Deutschen auf dem Everest. Beide gehen mit Sauerstoff.

          Messner und Habeler starten am 6. Mai vom Lager II aus nach oben. Ohne Sauerstoff. Der Gang zum Gipfel ist ein einsamer Kampf. Zwanzig Meter gehen, auf den Eispickel gestützt ausruhen, wieder zwanzig Meter gehen. "Eine monotone Stapferei", sagt Habeler. Sie versuchen hart gefrorenen Schnee zu finden und brechen doch immer wieder bis zu den Knien ein. Es ist auch ein stummer Kampf. Zum Reden ist die Luft zu knapp. Irgendwann spürt Habeler einen Krampf in der rechten Hand. Der Sauerstoffmangel? Er wartet, massiert, lockert die Hand. Und steigt weiter.

          Das Gehirn wie mit Watte gefüllt

          Später berichten beide, in den dichten Wolken völlig das Gefühl verloren zu haben, am höchsten Berg der Welt unterwegs zu sein. "In dieser Höhe ist das Gehirn wie mit Watte gefüllt", sagt Messner. "Ich trat aus mir heraus und hatte das Gefühl, daß da ein anderer an meiner Stelle ging", sagt Habeler. Am Ende wird aus dem Gehen ein Kriechen. Automatisierte Bewegungen. Bis es endlich vorbei ist, sie auf dem Gipfel stehen. Für große Freude ist kein Platz, keine Zeit, keine Luft. "Da oben hast du nicht mehr viel in der Birne", sagt Habeler.

          Weitere Themen

          Falscher George Clooney festgenommen Video-Seite öffnen

          Thailand : Falscher George Clooney festgenommen

          Nach jahrelanger Flucht ist ein Italiener, der sich als Hollywood-Star George Clooney ausgab und daraus Profit schlug, in Thailand gefasst worden.

          Topmeldungen

          Ehemaliger Lebensmittelladen in Loitz: Der Solidaritätszuschlag dient in erster Linie zur Finanzierung der Kosten, die die deutsche Wiedervereinigung verursacht hat. (Archiv)

          Wortbruch der Union : Soli-Schmerzen

          Dass ein Teil des Soli bleibt, dürfte für die Betroffenen finanziell zu verschmerzen sein. Nicht aber der Wortbruch der Union – und das bittere Gefühl, das ihr Sondereinsatz für das Land nicht einmal wertgeschätzt wird.
          Trotz Sanktionen: Schweißer arbeiten Anfang April im Karosseriebau des Mercedes-Benz Werks im Industriepark Jessipowo bei Moskau

          Russland-Sanktionen : Der Preis des Zurückweichens

          Die Russland-Sanktionen waren ein Signal. Deren Aufhebung wäre es erst recht – die EU würde damit demonstrativ vor Moskaus Politik der Gewalt und Drohung zurückweichen.
          Der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard. (Archiv)

          EZB-Konferenz in Sintra : „Es gibt keine Schuldenkrise“

          Die Eurozone braucht eine expansive Finanzpolitik und weniger strenge Schuldenregeln, sagt der Ökonom Olivier Blanchard bei der EZB-Konferenz in Sintra. Strukturreformen alleine genügten nicht, um das Wirtschaftswachstum zu beleben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.