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Motorradfahrer : Todesmut in der Applauskurve

Mit hoher Geschwindigkeit in die Kurve: Motorradfahrer auf dem Ruhrberg Bild: Rainer Wohlfahrt

In der Eifel treffen sich jedes Wochenende junge Motorradfahrer zu illegalen Wettkämpfen und Show-Duellen. Die Polizei ist machtlos. Denn die Fahrer brauchen den Kick - auch wenn er ihr Leben kosten kann.

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          Seit dem 1. Mai 2007 steht fünfzig Meter oberhalb der Applauskurve der Landstraße 166 zwischen Rurberg und Kesternich, gleich hinter der Leitplanke, ein schlichtes Holzkreuz. „Ingo 1978-2007“. Ein Strauß rote Rosen, zwei ewige Lichter, eine weiße Rose am Begrenzungspfosten. Motorräder rasen vorbei. Der Mann aus Eschweiler war immer wieder mit seiner Kawasaki durch die Haarnadelkurve gefahren, dort, wo jedes Wochenende auf dem kleinen Randstreifen die Applaudierenden den Motorradfahrern zujubeln, sie anspornen, beim nächsten Mal noch schneller, noch riskanter die Kurve zu nehmen.

          Philip Eppelsheim
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sechsmal ging es bei Ingo gut. Beim siebten Mal verlor er die Kontrolle über sein Motorrad und prallte gegen die Leitplanke. Die Polizei spricht von einer neuen Kategorie von Motorradrasern, von inszenierten Rennen und Show-Veranstaltungen.

          Die Rennen hat es schon immer gegeben

          Thomas, den Nachnamen behält er für sich, kennt diese Rennen. Er war manchmal selbst dabei und schaut noch immer gerne zu. „Freiheit und Leidenschaft“, sagt er nur. Der Maschinenbauer aus Alsdorf mit den goldenen Ohrsteckern und den kurzen grauen Haaren ist der Erste an diesem Sonntagvormittag, der einen Stopp auf dem kleinen Randstreifen einlegt, dort, wo sich die Dorfjugend trifft wie anderenorts an der Tankstelle, mit ihren Mopeds und den tiefergelegten und abgedunkelten Kleinwagen. „Mädchen und Motoren“ verspricht der Schriftzug an einer Heckklappe. Mädchen gibt es in der Applauskurve nicht, dafür Motoren.

          Machtlose Polizei: Die Fahrer lassen sich von Kontrollen nicht aufhalten
          Machtlose Polizei: Die Fahrer lassen sich von Kontrollen nicht aufhalten : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Thomas zu beeindrucken ist nicht leicht. Zu viel hat er schon gesehen. Doch die Leidenschaft ist geblieben. Der Blick ist immer auf die Straße gerichtet in Erwartung dessen, was sich da mit den aufheulenden Motoren ankündigt. Thomas kommt hierher, seit er 18 Jahre alt ist, seit er seinen Motorradführerschein gemacht hat vor fünfzehn Jahren. Und hat sich etwas geändert? Ist das wirklich heute eine andere Dimension? Thomas lacht. Die Applauskurve, die Shows und die Rennen habe es schon immer gegeben.

          Schwarzes Motorrad und Lederkluft

          Jetzt am Vormittag wagt sich Thomas noch auf die Leitplanke der Haarnadelkurve, zumindest auf das kurze Stück vor dem gelben „Dunlop“-Aufkleber. Später am Nachmittag würde er sich das nicht mehr trauen. Nicht so leichtsinnig sein wie die Dorfjugend, die sich lässig an die Planke lehnen wird, das Fotohandy gezückt, den Kennerblick aufgesetzt. Große Benzinflecken und alte Lackspuren - oft überschätzen sich Motorradfahrer. „Sogar täglich“, sagt Thomas. Nur bekomme davon kaum jemand etwas mit.

          Es ist jedes Wochenende das Gleiche. Zwischen elf und zwölf Uhr geht es los. Dann kommen die mit den abmontierten Nummernschildern. Helmvisier verdunkelt, Motorrad und Lederkluft schwarz. Und jene, die auf das „Ghostrider“-Drumherum verzichten, lieber mit fahrerischen Künsten protzen und die Mehrheit der die Eifel genießenden Motorradfahrer in Verruf bringen. Thomas hat schon oft gesehen, wie die Applauskurvenfahrer ihr Können überschätzt haben. Erst vergangene Woche sei einer geradeaus in die Leitplanke gefahren.

          Beeilen, bevor die Polizei kommt

          Meist sind es Cliquen, die hierherkommen. 200 oder auch 300 Kilometer legen manche zurück, nur um sich dann in die Kurve zu legen, sich aufzustacheln und den Rausch der Geschwindigkeit zu erleben. Meist sprechen sie sich per SMS oder im Internet ab. Dann beginnt der Wettbewerb: Wer ist der Mutigste, wer der Schnellste? Thomas riskiert in der Applauskurve nicht mehr alles. Seine Tochter ist ihm wichtiger als der Jubel der Leitplankengäste. Doch das Zuschauen will er sich nicht entgehen lassen. Ein oder zwei Selbstgedrehte rauchen, den Helm abnehmen, sich und das orangefarbene Bike abkühlen lassen und dabei etwas von den Männern und Frauen auf der Straße geboten bekommen.

          Zwei Holländer rasen die Strecke hoch und wieder runter. Dreimal hintereinander, um in der Applauskurve ihre mit Titannägeln versehenen Knieschoner über den Asphalt kratzen und Funken schlagen zu lassen. Dann geht es weiter, zur nächsten Rennstrecke, zur nächsten der vielen Applauskurven. Man muss sich beeilen, bevor die Polizei kommt. Doch das blaue Motorrad der Ordnungshüter ist bekannt. Und eine Kontrolle hat kaum Sinn. Ein Handzeichen der Fahrer, und jeder Entgegenkommende weiß Bescheid: „langsam“. Was sollen die Polizisten machen? Sie wollen den „Kontrolldruck“ erhöhen. Es werde mit aller Härte vorgegangen. „So kann und so wird es nicht weitergehen.“

          Der schnellste Motorradfahrer der Eifel

          Thomas kennt die Stellen, an denen häufig Radarkontrollen stattfinden. Er weiß, dass die Polizei kaum Einfluss auf die Raserszene hat. „Das kriegen die nie unter Kontrolle.“ Thomas kennt auch die Kurven, von denen sonst kaum jemand etwas gehört hat, er kennt die Applauskurve der Landstraße 166 oder die Rennstrecken, auf denen 240 Kilometer in der Stunde angeblich kein Problem sind.

          Thomas' Onkel war einer der schnellsten Motorradfahrer in der Eifel. „Der schnellste!“ Er hielt sich nicht an Tempo 70, das auf der Applauskurvenstrecke gilt, auch wenn schon das viel zu schnell ist für die Serpentinen. Doch auf den Zwischengeraden achtet kaum ein Fahrer auf die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit. „130 bis 140“, meint Thomas beim Klang der Motoren. Und dann kurz vor der Kurve auf 70 runter - oder auch nicht.

          160 PS starke „Joghurtbecher“

          Sein Onkel war einer der Schnellsten, noch mit 56 Jahren. Dann kam er bei einem Unfall ums Leben. Doch nicht in der Applauskurve oder auf einer anderen Straße in der Eifel, sondern kurz vor seiner Haustür. Das ist Thomas wichtig. Thomas hat das nicht davon abgehalten, weiter mit seinem Motorrad zu fahren, manchmal am Limit, wenn er gerade Lust dazu hat. Auch der Tod eines Freundes am Aachener Kreuz änderte nichts an seiner Einstellung. Auch nachdem er selbst vor zwei Jahren „geflogen“ war, hielt er an seiner Leidenschaft fest. Mit 130 hatte er eine Kurve nicht mehr bekommen, war über die Leitplanke katapultiert worden und dreißig Meter die Böschung hinabgestürzt, bis er sich in einem Stacheldrahtzaun verfing. Vier Haarrisse im linken Arm, der ganze Körper grün und blau.

          Die typische Klientel an der Applauskurve, das seien Typen, die im Winter an der Playstation hingen und bei den ersten Sonnenstrahlen die Konsolen-Kunststücke auch in der Realität ausprobieren wollten mit ihren 150 bis 160 PS starken „Joghurtbechern“, den mit Plastik verkleideten Hondas, Suzukis und Kawasakis, wie auch Thomas eine hatte, bevor er Vater wurde. Später am Nachmittag wird ein Quadfahrer, das Nummernschild in der Mitte angeknickt, den Beweis für Thomas' Worte liefern. Stehend auf seiner Maschine, die Vorderräder hochgerissen. Immer wieder, immer ein bisschen länger, ein bisschen riskanter.

          Leichtsinnige Radfahrer

          Thomas hat so etwas schon oft gesehen und gibt vor, es zu verstehen. „Man hat doch nichts anderes.“ Auf offiziellen Rennstrecken sei es genauso gefährlich wie in der Applauskurve. Nur eben, dass hier Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger dazwischenkommen könnten. So wie beim letzten Unfall, den Thomas mitbekommen hat. „Da war 'ne Frau mit Rennrad mit drinne.“ Aber die Radfahrer seien zum Teil auch selbst schuld, und schlimmer und gefährlicher als Motorradfahrer seien doch die Sonntagsfahrer. Hier gehe es schließlich um Leidenschaft.

          Als vierhundert Meter oberhalb der Applauskurve eine Polizeikontrolle beginnt, macht Thomas sich wieder auf den Weg. Er weiß, die nächste Stunde ist jetzt nichts mehr los. Doch dann wird die Dorfjugend kommen, einige Biker werden ihre Maschinen abstellen, und Männer in Fahrradhosen werden rufen: „Jungs, jetzt lasst mal was sehen!“ Und fünfzig Meter entfernt werden Freunde von Ingo, der dem Reiz der Kurve und des Publikums nicht wiederstehen konnte, frische Blumen bringen, ein neues Licht entzünden, an seinem Kreuz stehen und trauern.

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