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Motorradfahrer : Todesmut in der Applauskurve

Zwei Holländer rasen die Strecke hoch und wieder runter. Dreimal hintereinander, um in der Applauskurve ihre mit Titannägeln versehenen Knieschoner über den Asphalt kratzen und Funken schlagen zu lassen. Dann geht es weiter, zur nächsten Rennstrecke, zur nächsten der vielen Applauskurven. Man muss sich beeilen, bevor die Polizei kommt. Doch das blaue Motorrad der Ordnungshüter ist bekannt. Und eine Kontrolle hat kaum Sinn. Ein Handzeichen der Fahrer, und jeder Entgegenkommende weiß Bescheid: „langsam“. Was sollen die Polizisten machen? Sie wollen den „Kontrolldruck“ erhöhen. Es werde mit aller Härte vorgegangen. „So kann und so wird es nicht weitergehen.“

Der schnellste Motorradfahrer der Eifel

Thomas kennt die Stellen, an denen häufig Radarkontrollen stattfinden. Er weiß, dass die Polizei kaum Einfluss auf die Raserszene hat. „Das kriegen die nie unter Kontrolle.“ Thomas kennt auch die Kurven, von denen sonst kaum jemand etwas gehört hat, er kennt die Applauskurve der Landstraße 166 oder die Rennstrecken, auf denen 240 Kilometer in der Stunde angeblich kein Problem sind.

Thomas' Onkel war einer der schnellsten Motorradfahrer in der Eifel. „Der schnellste!“ Er hielt sich nicht an Tempo 70, das auf der Applauskurvenstrecke gilt, auch wenn schon das viel zu schnell ist für die Serpentinen. Doch auf den Zwischengeraden achtet kaum ein Fahrer auf die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit. „130 bis 140“, meint Thomas beim Klang der Motoren. Und dann kurz vor der Kurve auf 70 runter - oder auch nicht.

160 PS starke „Joghurtbecher“

Sein Onkel war einer der Schnellsten, noch mit 56 Jahren. Dann kam er bei einem Unfall ums Leben. Doch nicht in der Applauskurve oder auf einer anderen Straße in der Eifel, sondern kurz vor seiner Haustür. Das ist Thomas wichtig. Thomas hat das nicht davon abgehalten, weiter mit seinem Motorrad zu fahren, manchmal am Limit, wenn er gerade Lust dazu hat. Auch der Tod eines Freundes am Aachener Kreuz änderte nichts an seiner Einstellung. Auch nachdem er selbst vor zwei Jahren „geflogen“ war, hielt er an seiner Leidenschaft fest. Mit 130 hatte er eine Kurve nicht mehr bekommen, war über die Leitplanke katapultiert worden und dreißig Meter die Böschung hinabgestürzt, bis er sich in einem Stacheldrahtzaun verfing. Vier Haarrisse im linken Arm, der ganze Körper grün und blau.

Die typische Klientel an der Applauskurve, das seien Typen, die im Winter an der Playstation hingen und bei den ersten Sonnenstrahlen die Konsolen-Kunststücke auch in der Realität ausprobieren wollten mit ihren 150 bis 160 PS starken „Joghurtbechern“, den mit Plastik verkleideten Hondas, Suzukis und Kawasakis, wie auch Thomas eine hatte, bevor er Vater wurde. Später am Nachmittag wird ein Quadfahrer, das Nummernschild in der Mitte angeknickt, den Beweis für Thomas' Worte liefern. Stehend auf seiner Maschine, die Vorderräder hochgerissen. Immer wieder, immer ein bisschen länger, ein bisschen riskanter.

Leichtsinnige Radfahrer

Thomas hat so etwas schon oft gesehen und gibt vor, es zu verstehen. „Man hat doch nichts anderes.“ Auf offiziellen Rennstrecken sei es genauso gefährlich wie in der Applauskurve. Nur eben, dass hier Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger dazwischenkommen könnten. So wie beim letzten Unfall, den Thomas mitbekommen hat. „Da war 'ne Frau mit Rennrad mit drinne.“ Aber die Radfahrer seien zum Teil auch selbst schuld, und schlimmer und gefährlicher als Motorradfahrer seien doch die Sonntagsfahrer. Hier gehe es schließlich um Leidenschaft.

Als vierhundert Meter oberhalb der Applauskurve eine Polizeikontrolle beginnt, macht Thomas sich wieder auf den Weg. Er weiß, die nächste Stunde ist jetzt nichts mehr los. Doch dann wird die Dorfjugend kommen, einige Biker werden ihre Maschinen abstellen, und Männer in Fahrradhosen werden rufen: „Jungs, jetzt lasst mal was sehen!“ Und fünfzig Meter entfernt werden Freunde von Ingo, der dem Reiz der Kurve und des Publikums nicht wiederstehen konnte, frische Blumen bringen, ein neues Licht entzünden, an seinem Kreuz stehen und trauern.

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