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Mormonencampus in Utah : Das Evangelium, die amerikanische Version

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Doch während die Studenten in Provo ihre moralische Integrität überaus ernst nehmen, bleibt die intellektuelle Aufrichtigkeit nicht selten Lippenbekenntnis. Dem humanistischen Bildungsideal und der Meinungsfreiheit wird hier nur so weit gehuldigt, wie sie die offizielle Kirchengeschichte und die Entscheidungen der Führung unangetastet lassen. Wie alle Mormonen sind Studenten und Dozenten angehalten, kritische Auseinandersetzungen mit ihrer Kirche zu meiden; Skepsis ist, zumindest im Hinblick auf die Kirche, unerwünscht. Eine wirklich offene akademische Atmosphäre, das räumen die meisten Dozenten ein, herrscht auf dem Campus in Provo nicht.

„Ein patriarchales, paternalistisches System“

1993 entließ die Kirche sechs Lehrkräfte, die über Themen wie Feminismus und die Faszination der frühen Kirche mit Aberglauben und Magie geforscht hatten. 2006 musste ein weiteres Mitglied der Fakultät den Hut nehmen, weil es die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe durch die Kirche verurteilte. „Es ist ein bisschen, als wenn die Moderne und der Feminismus nie stattgefunden hätten“, sagt ein Kenner der Verhältnisse. „Die Kultur der Kirche existiert geistig noch immer vor Nietzsche und Freud.“

Im Örtchen Pleasant Grove ein paar Kilometer südlich von Provo reißt ein Bulldozer die Straße auf. Gebaut wird viel in Utah, der Bienenstock auf den Straßenschildern symbolisiert noch heute das fleißige Völkchen, das vor gut 160 Jahren ins lange Tal westlich der Wasatch Range pilgerte, um eine bessere Welt zu errichten. Die Bauarbeiten lassen das Haus von Martha O’Connor schon seit Januar erzittern, jeder andere würde wütende Proteste bei der Stadtverwaltung anbringen, aber O’Connor winkt, während der Bulldozer mit warnendem Fiepton zurücksetzt, fröhlich einem jungen Paar zu, das die Straße vor ihrem Haus entlang spaziert. Die Dinge positiv zu sehen ist eine angestrebte Tugend, die Mormonen glauben, dass Glück Gottes Plan für die Menschheit ist.

Zulangen ja, aber bitte gesittet: Zuschauer bei einem Basketball-Spiel in der kircheigenen Brigham-Young-Universität in Provo.

„Es ist eine sehr optimistische Religion“, sagt die sechsfache Mutter, die als junge Frau konvertierte und in deren Flur heute ein Familienstammbaum über sechs Generationen hängt. Ihr gefällt der Gemeinschaftssinn, der hier alles durchdringt. Jedem Mormonen-Haushalt wird vom Bischof ein Duo von „Hauslehrern“ zugewiesen, das einmal im Monat nach dem Rechten sieht und Glaubensgrundsätze liest. Wer in Not gerät, dem kann der Bischof Zugang zu einem karitativen System verschaffen, das von Schulung und Jobsuche bis zu Essensmarken reicht. „Es ist schön, zu wissen, dass sich jemand um einen kümmert“, sagt O’Connor.

Doch gerade auf Frauen lastet hier ein hoher Druck, sagt Kay Burningham. Die Anwältin, Feministin und Autorin des Buchs „An American Fraud“ sitzt zwischen zwei Gerichtsterminen in einem Restaurant in Salt Lake City. Sie entstammt einer alten Pionierfamilie und war bis vor elf Jahren devote Mormonin. „Viele Frauen in der Religion leiden unter niedrigem Selbstvertrauen“, sagt sie, „weil sie von der Kirche intellektuell unreif gehalten werden.“

Frauen, so Burningham, können nur mit Hilfe ihres Mannes Eintritt in den höchsten der drei Himmel erhalten, sie dürfen keine Kirchenämter bekleiden und werden vor allem als Mütter verehrt. „Man lebt hier in einem patriarchalen, paternalistischen System“, sagt sie. „Ich habe 45 Jahre gebraucht, um mir darüber klar zu werden, und ich bin wirklich nicht dumm.“ Utah hat die höchste Antidepressiva-Rate in den Vereinigten Staaten, und Burningham glaubt, dass das direkt mit dem Anspruch der Mormonenkirche an Frauen zusammenhängt, unbedingt glückstrahlende Mütter, Gattinen und Hausfrauen zu sein - das „Mother of Zion“-Syndrom nennen das die Psychiater hier.

Was für viele die Erfüllung schlechthin ist, ist für einige wenige die Hölle auf Erden. Neulich, sagt Kay Burningham, hat sich eine gute alte Freundin von ihr das Leben genommen. „Sie war 41 und noch unverheiratet, eine kluge, schöne Frau - und bis an ihr Lebensende eine Jungfrau.“

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