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Mormonencampus in Utah : Das Evangelium, die amerikanische Version

  • -Aktualisiert am
Heilsgeschichte auf amerikanischem Boden: Jesus-Statue im Mormonen-Tempel.

Auch in der akademischen Gemeinde der Brigham-Young-Universität pflegt man kühlen Pragmatismus als sinnvolle Strategie zur Überbrückung von Disparitäten. Ross Spencer zum Beispiel ist Leiter des Fachbereichs Physik und Astronomie. Seine Abstammung kann er bis zu den Pionieren zurückverfolgen, die Brigham Young 1846 auf den Exodus aus Illinois nach Salt Lake City folgten. „Sobald Youngs Leute ein Dach überm Kopf und Lebensmittel angebaut hatten, errichteten sie Schulen“, sagt Spencer. 1850 gründete Young die Uni in Provo, heute lautet ein inoffizielles Motto der Institution „Die Herrlichkeit Gottes ist Intelligenz“. Selbsterklärtes Ziel der Mormonen ist es, durch dauernde Selbstverbesserung selbst gottgleich zu werden. Bestenfalls steht in Aussicht, im Nachleben eigene Universen kreieren und mit der eigenen DNS bevölkern zu können.

Im Ernst, Professor Spencer? „Was weiß ich denn, wie das alles zusammenpasst“, sagt der Physiker und lacht. Spencer hält den Glauben und die wissenschaftlichen Erkenntnis nicht für unvereinbar - die plötzliche Inspiration zur Lösung eines mathematischen Problems gleiche immerhin stark der spirituellen Erhebung im Gebet, sagt er, und die Weltsicht der Kirchengründer sei ähnlich eingeschränkt gewesen wie die der Physik vor dem Launch des Hubble-Teleskops.

Aber Spencer gibt zu, dass akademische Neugier und klerikaler Gehorsam überkreuz liegen. „Für mich lässt sich das nur sehr schwer vereinbaren“, sagt er. „Aber auch in der Wissenschaft muss ich ja hin und wieder meine Überzeugung außer Kraft setzen. Ich habe keine Ahnung, wie meine Seele mit meinen Körperzellen verbunden ist, auch wenn es sich stark danach anfühlt. Und wenn Gott auf Lichtgeschwindigkeit beschränkt ist, dann kommt er in diesem Universum nicht viel herum.“ Spencer lächelt. „Ich muss also wohl oder übel darauf vertrauen, dass irgendjemand anderes weiß, was hier abgeht.“

Skepsis im Hinblick auf die Kirche ist unerwünscht

Dass die Mormonen leichtgläubige Sonderlinge sind, zählt zu den Vorurteilen, die im Deutschseminar von Christian Clement ein paar Gebäude weiter diskutiert werden; die Universität rühmt sich ihres umfangreichen Fremdsprachenprogramms. „Wir sind keine dummen Schäfchen, die man einer Gehirnwäsche unterzogen hat“, sagt eine Studentin. „Wir werden ermutigt, uns eigene Meinungen zu bilden.“ Viele BYU-Studenten verfügen über Auslandserfahrungen, da die Kirche von jungen Männern erwartet, sich einer zweijährigen Mission zu verschreiben. Auch zehn Prozent der jungen Frauen fühlen sich dazu berufen. (Mitt Romney übrigens verbrachte zwischen 1966 und 1968 dreißig Monate für seine Kirche in Frankreich und galt bei Kollegen als sehr eifrig; eben diese Erfahrung im Ausland, so berichtete Romney selbst später, habe aus ihm, einem zunächst nur noch mäßig Gläubigen, einen wahrlich Überzeugten gemacht.)

BYU-Deutschprofessor Clement hat mit seinen Studenten zuletzt die Kontroverse um das Israel-Gedicht von Günther Grass besprochen, und in der Diskussion fand das Seminar mehrheitlich, dass man Grass sein Gedicht nicht verbieten dürfe. Die freie Meinungsäußerung, so der Konsens im Seminarraum, ist sehr wichtig.

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