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Mormonencampus in Utah : Das Evangelium, die amerikanische Version

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„Ist die Bibel glaubwürdiger, weil sie älter ist?“

Joseph Smith hatte die Kirche 1830 gegründet, nachdem er sich von Gott berufen fühlte, das korrumpierte Christentum zu restaurieren. Ein Engel namens Moroni führte den jungen New Yorker angeblich zu Platten, die in einem Hügel verborgen waren und auf denen ein verlorenes Evangelium vorzeitlicher amerikanischer Propheten eingraviert war. Smith übersetzte es als „Das Buch Mormon“ - mit Hilfe eines „Sehersteins“, den er ebenfalls in dem Hügel fand, und eines Zylinderhuts.

Unter den Amerikanern des frühen neunzehnten Jahrhunderts verbreitete sich die Kunde von einem originär amerikanischen Evangelium, das sowohl den Garten Eden als auch das kommende Königreich Gottes auf amerikanischem Boden verortete, wie ein Lauffeuer. Die Kritik, dass ihre heiligen Schriften in der haarsträubenden Geschichte eines Mannes wurzeln, der in jungen Jahren seine Brötchen als hellseherischer Schatzsucher verdiente und deshalb 1826 als Hochstapler vor Gericht stand, weisen die Kirchenoberen bis heute zurück. „Die Teilung des Roten Meeres kann ebenso wenig bewiesen werden“, sagt Mike Otterson. „Sind die Geschichten aus der Bibel etwa deswegen glaubwürdiger, weil sie Jahrtausende zurückliegen?“

Smith baute via göttlicher Offenbarung die Grundsätze die Religion Zug um Zug aus. 1843 erhielt er in Illinois eine Offenbarung, in der Gott die Polygamie - genauer: Polygynie - zur heiligen Pflicht erklärte (und außerdem eine direkte Mahnung an Smiths skeptische Ehefrau Emma richtete, gehorsam zu sein). In der nicht-mormonischen Bevölkerung löste dieser skandalöse Bescheid helle Empörung aus, und als Smith wenig später die Druckpresse einer Zeitung zerstören ließ, die gegen die Ideen der Mormonen hetzte, schäumte der Volkszorn über. Smith wurde verhaftet und 1844 im Gefängnis von Carthage, Illinois, von einem Lynchmob erschossen.

Kühler Pragmatismus als sinnvolle Überbrückungsstrategie

Sechsundvierzig Jahre später - Smiths Kirche hatte sich unter der Leitung des zweiten Propheten Brigham Young erfolgreich im entlegenen Utah etabliert und stand mit dem illegalen Brauch der Vielweiberei unter wachsendem Druck der Bundesregierung - erklärte Gott durch eine Offenbarung des amtierenden Propheten Wilford Woodruff die Polygamie für nichtig. „Die Kirche wäre sonst enteignet worden“, sagt Otterson, „und unter diesem Umständen hat der Herr das Gebot eben widerrufen.“

Mit Widersprüchen in der Doktrin pflegt die Kirche einen pragmatischen Umgang: Nicht auf alle Fragen gibt es eine umgehende Antwort von Gott, auch wenn sie den Schäfchen beizeiten sicher zuteil wird. Zu heiklen Themen - der Todesstrafe zum Beispiel - wird schlicht keine Stellung bezogen, eine durchaus moderne PR-Strategie. „Dazu hat die Kirche keine Position“, hört man oft in Salt Lake City und Provo.

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