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Fall aus „Serial“-Podcast : Mordurteil gegen Adnan Syed nach 23 Jahren aufgehoben

  • -Aktualisiert am

Nach 23 Jahren vorläufig frei: Adnan Syed, der wegen Mordes an seiner früheren Freundin verurteilt wurde, verlässt am Montag das Gericht in Baltimore. Bild: Laif

1999 wurde Adnan wegen Mordes an seiner Freundin festgenommen. Im Podcast „Serial“ wurden jedoch Zweifel an seiner Schuld laut. Jetzt hat ein amerikanisches Gericht das Mordurteil aufgehoben – Syed ist vorläufig frei.

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          Am Ende ging es unerwartet schnell. Fast 23 Jahre nach der Verhaftung, 22 Jahre nach der Verurteilung zu Lebenslang und unzähligen Berufungsanträgen ist der Amerikaner Adnan Syed zumindest vorerst wieder ein freier Mann. Ein Gericht in Baltimore (Maryland) hob am Montag das Mordurteil gegen den Einundvierzigjährigen auf und entließ ihn wenige Stunden später in die Freiheit. „Wir erklären Adnan Syed noch nicht für unschuldig. Aber wir erklären, dass er im Sinne von Fairness und Gerechtigkeit das Recht auf einen neuen Prozess hat“, fasste die Bezirksstaatsanwältin Marilyn Mosby die Wende in einem der aufsehenerregendsten Kriminalfälle des Old Line State zusammen.

          Syed, der als Kind pakistanischer Einwanderer in Baltimore zur Welt kam, ­wurde derweil auf den Stufen des Gerichtsgebäudes von Dutzenden Unterstützern begrüßt. Viele von ihnen hatten jahrelang für Syeds Freilassung gekämpft.

          Der damals Siebzehnjährige war Ende Februar 1999 festgenommen worden, nachdem der Leichnam seiner früheren Freundin Hae Min Lee im Leakin Park in Baltimore gefunden worden war. Die Polizei der Stadt hatte fast vier Wochen nach der Achtzehnjährigen aus Südkorea gesucht. Ihre Mutter meldete die Schülerin der Woodlawn High School am 13. Januar 1999 als vermisst, da sie nach dem Unterricht ihren Cousin nicht bei der Tagesmutter abgeholt hatte. Nach dem Fund ihrer sterblichen Überreste brachte ein anonymer Anrufer die Ermittler auf Syeds Spur. Der Jugendliche und Lee waren nicht nur Klassenkameraden, erfuhr die Polizei, sondern auch ein früheres Paar.

          Das Bild eines verlassenen, verletzten Liebhabers

          Ein Mitschüler sagte später aus, Syed habe nach dem Ende der Romanze gedroht, Lee zu töten. Er gab auch an, den Leichnam der Jugendlichen gemeinsam mit Syed versteckt zu haben. Die Obduktion ergab, dass der Täter die Schülerin mit bloßen Händen erwürgt hatte. Bei dem folgenden Mordprozess zeichnete die Staatsanwaltschaft das Bild eines verlassenen, verletzten Liebhabers, der sich an Lee rächen wollte. Ein Jahr nach dem Tod der Jugendlichen wurde Syed wegen Entführung und Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

          Etwa zehn Jahre später erregte der Fall abermals Aufmerksamkeit. Damals nahm Rabia Chaudry, Juristin und Bekannte der Familie Syed, Kontakt zu der Investigativjournalistin Sarah Koenig auf. Die New Yorkerin begann, Mitschüler von Syed und Lee zu interviewen und die Prozessakten zu lesen. Neue Erkenntnisse, unter anderem zu einer Zeugin, die den angeblichen Mörder zur Tatzeit in der Schulbibliothek gesehen hatte, präsentierte Koenig im Jahr 2014 in ihrem Podcast „Serial“.

          Sie deutete zudem an, dass Syed wegen seines muslimischen Glaubens vorverurteilt worden sei. Syeds Anwälte stellten Anträge, nannten weitere Verdächtige und dokumentierten Fehler ehemaliger Verteidiger. Als das Gericht entschied, den Prozess neu aufzurollen, widersprach die Staatsanwaltschaft. Es folgten juristische Scharmützel bis zum Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, der einen weiteren Prozess aber ablehnte.

          Die Beweise gegen Syed, trug die Anklage des Bezirks Baltimore immer wieder vor, seien erdrückend. In der vergangenen Woche gab die Staatsanwaltschaft schließlich zu, bislang unbekanntes belastendes Material gegen zwei ­weitere Verdächtige gefunden zu haben, und beantragte die Aufhebung des Urteils. Der Bruder der Ermordeten, Young Lee, sagte bei der Anhörung am Montag aus, sich durch Gericht und Staatsanwaltschaft „überrumpelt“ zu fühlen. „Für mich ist das Ganze kein Podcast, sondern ein mehr als 20 Jahre langer Albtraum“, meinte Lee. Der Staatsanwaltschaft bleiben nun 30 Tage, um zu entscheiden, ob sie Syed ein ­weiteres Mal vor Gericht stellt.

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