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Mordprozess in München : An den Klippen zum Tod

Der Angeklagte Gunnar D. (mitte) im Landgericht München Bild: dpa

Über Jahre führte der Fluggerätetechniker Gunnar D. ein Doppelleben. Als eine seiner beiden Freundinnen ein Kind gebar, drohte alles aufzufliegen. Nun ist er angeklagt, die Frau und das Mädchen ermordet zu haben - an einem Strand in Portugal.

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          Er hoffe, sagt der Angeklagte am Ende des ersten Verhandlungstages, dass das Gericht nun einen umfassenden und „einen möglichst guten“ Eindruck von ihm erhalten habe. Zuvor hatte er detailliert über seine Ausbildung zum Fluggerätetechniker gesprochen, über seinen Einstieg in „das Ingenieursleben“ bei einem großen deutschen Autohersteller, über seine Erfolge bei der Entwicklung „hochwertiger Türinnenraumausstattungen im Automotive-Bereich“ und als „Teilprojektleiter im Bereich Infotainment bei einem Premium-Lieferanten“.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dann beschrieb er sich auf die Frage des Gerichts nach seinem Charakter als „natürlichen und freundlichen, allen Menschen aller Nationen gegenüber aufgeschlossenen Menschen“. Nach Schwächen befragt, überlegt er kurz und gibt an: „Unpünktlichkeit - wird mir nachgesagt.“ Anzug, Krawatte und Bürstenhaarschnitt flankieren die Aussagen über „Cockpit-Design“, Aufträge im Geschäftsflugzeugbereich und die Postkarten zu Weihnachten und Ostern fürs Patenkind.

          Was den guten Eindruck stört, ist die Mordanklage der Staatsanwaltschaft. Dem 44 Jahre alten Gunnar D., der sich nun vor dem Münchner Landgericht verantworten muss, wird vorgeworfen, im Juli 2010 seine Freundin und das gemeinsame Kind ermordet zu haben, damit seine andere Freundin nicht erfahre, dass es noch eine Frau und ein Kind überhaupt jemals gegeben hat. „Er handelte dabei zum einen aus - persönlichkeitsimmanentem - rücksichtslosem Gewinnstreben um jeden Preis und um sich seiner Unterhaltsverpflichtung gegenüber dem gemeinsamen Kind sowie weiteren finanziellen Forderungen der Kindsmutter ihm gegenüber endgültig zu entziehen“, trägt die Staatsanwältin vor.

          Als die Freundin schwanger ist, beendet er die Beziehung

          „Das entspricht nicht der Wahrheit“, ruft Gunnar D. mit lauter, aber unbewegter Stimme dazwischen, setzt sich in seinem Stuhl zurück und lässt den Blick Richtung Decke schweifen. Dann schüttelt er mokant lächelnd den Kopf, als sie beschreibt, wie er die Morde begangen haben soll. Auch später wird sein Anwalt noch einmal hervorheben, dass sein Mandant die Vorwürfe ganz entschieden bestreitet.

          Im April 2006 lernte Gunnar D. die Angolanerin Georgina Z. in Stuttgart während einer Projektarbeit kennen. Wo genau sie sich kennengelernt hätten, fragt der Vorsitzende Richter. „Wissen Sie, man kommt nach einem vollgestopften Arbeitstag ins Hotel, dann will man noch ein Feierabendbier trinken, vielleicht etwas essen. Ich habe Frau Z. bei einer Musikveranstaltung kennengelernt.“ Es sei eine Freundschaft daraus entstanden, „man hat sich gern gehabt“. Schnell entstand eine „gewisse Regelmäßigkeit“, sie trafen sich häufig, pausierten oft ein paar Wochen, wenn das Projekt unterbrochen wurde und Gunnar D. in München arbeitete.

          Doch seit 2002 hatte er auch eine Beziehung zu einer Engländerin, die er während eines Arbeitsaufenthalts in England im Fitness-Studio kennengelernt hatte. Die Freundin wollte zu ihm nach Deutschland ziehen. Daher sei im Januar 2008 ein „gedanklicher Wechsel“ bei ihm entstanden, sagt Gunnar D. Den „gedanklichen Wechsel“ sieht die Staatsanwaltschaft eher in der Tatsache, dass Georgina Z. ihm im Januar mitteilte, dass sie schwanger sei. Noch in demselben Monat beendete er die Beziehung. Im Frühjahr 2008 zog Gunnar D. mit seiner englischen Freundin in München in eine gemeinsame Wohnung, im Oktober 2008 teilte Georgina Z. ihm telefonisch mit, dass er Vater einer Tochter geworden sei.

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