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Mordfall : Sechs Menschen in China-Restaurant erschossen

  • -Aktualisiert am

Was geschah im Restaurant „Lin Yue” von Sittensen? Bild: ddp

Der Mord an sechs Bediensteten eines China-Restaurants hat die Ortschaft Sittensen von Grund auf erschüttert. Ein Motiv ist bisher nicht zu erkennen. Die Polizei sucht nach Gästen, die am Sonntag das Restaurant nahe der A1 besucht haben.

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          Die Nachbarn sind sich einig. Die Inhaberfamilie und der Geschäftsführer des China-Restaurants „Lin Yue“ seien „ganz liebe Menschen“ gewesen, „unauffällig“, „voll integriert“ und „im Ort akzeptiert“. Die Familie, die auch in dem Gebäude wohnte, hatte das „Lin Yue“ seit zehn Jahren in zentraler Lage von Sittensen an der Hamburger Straße nahe der Autobahnzufahrt betrieben. Man habe sich gegrüßt, geplaudert, zur Geburt der Tochter gratuliert. Nach der letzten Sitzung war der Gemeinderat noch in das Restaurant gegangen. Und nun verbreitet sich am Montagmorgen die Nachricht, dass in dem China-Restaurant in der Nacht sechs Menschen getötet wurden.

          Der Bürgermeister von Sittensen, Stefan Tiemann, sagt: „Das ist kaum greifbar!“ So etwas hat es in der Samtgemeinde auf halbem Weg zwischen Hamburg und Bremen noch nicht gegeben. Polizeiwagen, Absperrungen, Fernsehkameras riegeln ein gepflegtes zweistöckiges Haus ab. Nachbarn und Stammkunden des „Lin Yue“ sind schockiert.

          Nur Attentate bisher folgenreicher

          Einen vergleichbaren Kriminalfall gibt es in der jüngeren deutschen Kriminalgeschichte nicht. Noch mehr Tote gab es bei einigen Anschlägen, dem Bombenanschlag mit dreizehn Toten im Dezember 1982 beim Münchner Oktoberfest, dem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim im Januar 1996 in Lübeck mit zehn Toten, der Ermordung von 16 Lehrern, Schülern und Polizisten am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im April 2002. Parallelen könnte es allenfalls geben zu den „Dönermorden“ seit dem Jahr 2000. Auch dabei geht es möglicherweise um Schutzgeld. Auch dabei sind ausländische Kleingewerbetreibende die Opfer. Aber es handelte sich um neun Einzelmorde an Türken über sechs Jahre hinweg.

          Tatort China-Restaurant: „Lin Yue” in Sittensen

          Was in Sittensen in der Nacht zum Montag geschah, vermag die Sonderkommission der Polizei, des Landes- und des Bundeskriminalamts vorerst nicht zu sagen. Rechtsmediziner und Kriminaltechniker suchen noch nach Spuren und Hinweisen. Eines der Opfer immerhin überlebte schwer verletzt. Es war, wie die anderen, gefesselt. Der Mann ist nicht vernehmungsfähig, seine Überlebenschancen sind offenbar gering. Entdeckt wurden er und die sechs Leichen - fünf der Opfer, wohl alle Asiaten, waren zunächst nicht sicher identifiziert - vom Mann einer Angestellten, der seine Frau morgens um halb eins abholen wollte; sie gehörte zu den Opfern.

          Anschlag chinesischer Triaden?

          Denkbar scheinen zunächst viele Hintergründe. Es könnte sich um einen Bandenüberfall handeln oder einen Anschlag chinesischer Triaden, die Schutzgeld erpressen wollten. Die Geheimbruderschaften mit einer ausgeklügelten Geheimsprache hatten ihre blutigen Bandenkriege - mit für europäische Verhältnisse ungewöhnlichen Gewaltformen - bisher auf ihre ostasiatischen Zentren, vor allem Hongkong, konzentriert. In dieser Ecke Niedersachsens gab es bisher keine Zeichen organisierter chinesischer Kriminalität (siehe auch: Chinesische Mafia: Mit den Triaden kennt sich in Europa nur Scotland Yard aus).

          Für ein Familiendrama scheint der Ablauf nicht zu sprechen. Es gab keine Zeugen, und eine rasch eingeleitete Großfahndung erbrachte nichts. Alle Opfer, drei Frauen und drei Männer, waren in verschiedenen Räumen der Gaststätte und der darüber liegenden Wohnräume gefesselt und erschossen aufgefunden worden. Zu später Stunde waren die Gewerbetreibenden im Erdgeschoss - eine Fahrschule und ein Pizzalieferdienst - nicht mehr im Hause.

          Das Leben hat sich geändert

          Sittensen hat - wie andere Orte entlang der Autobahn von Bremen nach Hamburg - einen stetigen Aufschwung erlebt. In der Nachkriegszeit vervierfachte es seine Einwohnerzahl auf derzeit 5500. Gemeinsam mit den acht Orten der Samtgemeinde leben in der Börde Sittensen 10.000 Bewohner. Viele haben Kleingewerbe, zum Beispiel Restaurants an der „Lkw-Meile“ im Nordwesten. Besucher wurden ins Elbe-Weser-Dreieck gezogen durch die Moor- und Waldlandschaft mit Rad- und Wanderwegen, durch eine gewachsene Dorfstruktur sowie durch alle Arten ortstypischer Traditionspflege.

          Die wichtigsten Meldungen der vergangenen Tage aus dem Ort: Der Mondweg wird gefegt; am Markt ist für Dauerparker kein Platz; die Feuerwehr rückt aus wegen einer Explosion in einer fünfzehn Kilometer entfernten Milchfabrik. Das war einmal. Am Montag hat sich das Leben in Sittensen geändert.

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