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Mordfall Dennis : Der schwarze Mann

Hier verschwand Dennis Klein: Das Schullandheim in Wulfsbüttel Bild: Henning Bode

Er ermordete Jungs, er missbrauchte Jungs - Jahre lang unbemerkt. Und das, obwohl die Polizei mehrmals wegen unsittlichen Verhaltens ermittelte. Erst jetzt, 19 Jahre nach seiner ersten Tat, bekommt der Mann mit der Maske einen Namen: Martin N.

          8 Min.

          Der schwarze Mann kam im März 1992 in das Schullandheim, das von Bäumen verborgen außerhalb des Dorfes Hepstedt liegt. Auf dem Geestrand zum Teufelsmoor. Der schwarze Mann stand in einem leeren Schlafraum. Wie eine Gestalt aus den Geschichten, die Wälder und Moore erschaffen. Als hätte Stephen King ihn in dieses Zimmer geschrieben. Eine Lehrerin sah den schwarzen Mann, und er rannte davon. Einige Nächte später stand der schwarze Mann wieder in einem Zimmer des Schullandheims. Dieses Zimmer war nicht leer. Kinder schliefen hier. Der schwarze Mann wollte einen elf Jahre alten Jungen missbrauchen. Als der schrie, verschwand der schwarze Mann, verschmolz mit der Dunkelheit.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Heim auf dem Geestrand zum Teufelsmoor war der Beginn. Der schwarze Mann suchte auch andere Schullandheime auf, die rund um Bremen in Geest und Marsch, in Einsamkeit und Natur liegen. Schulklassen und Freizeitgruppen besuchen die Häuser. Der schwarze Mann blickte durch die Fenster, er lief die Flure entlang, er ging in die Zimmer. Nicht immer glaubten die Betreuer den Kindern, wenn sie am Morgen vom schwarzen Mann in der Nacht erzählten. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

          Er kam in der Nacht

          Stefan Jahr hatte Angst. Der 13 Jahre alte Junge war Schüler an der Eichenschule in Scheeßel. 34 Kilometer von Hepstedt entfernt. Er hatte zusammen mit einem anderen Jungen ein Zimmer in dem Internat. Ende März begann Stefan, sich abends im Zimmer einzuschließen. Am 30. März blieb die Tür geöffnet. Eine Betreuerin nahm dem Jungen den Schlüssel ab. Am Morgen war Stefan verschwunden. Zurück blieben nur der Schlafanzug des Jungen und ein offenes Fenster. Fünf Wochen später fanden zwei Frauen während ihres Sonntagsspaziergangs die gefesselte Leiche von Stefan, verscharrt im Sand der Verdener Dünen.

          Hier erinnert ein Kreuz an den ermordeten Dennis Klein: Die Straße zwischen Hepstedt und Kirchtimke
          Hier erinnert ein Kreuz an den ermordeten Dennis Klein: Die Straße zwischen Hepstedt und Kirchtimke : Bild: Henning Bode

          In den Nächten kam der schwarze Mann. Im Juni, im August, im September, im Oktober. In das Schullandheim Hepstedt, in das Schullandheim Badenstedt, in das Zeltlager Selker Noor. Auch Badenstedt und Selker Noor liegen abseits, in der Landschaft. Wie ein großer Schatten beugte sich der schwarze Mann über die Betten. Er sprach mit einer dunklen Stimme. Tief, brummig, beruhigend, bestimmt. Er sagte, er sei ein Nachtgespenst. Eines in Lederkluft, mit einer Strickmütze über dem Gesicht, die Löcher für Augen, Nase und Mund hatte. Der schwarze Mann fasste die Jungen an, er missbrauchte sie. Manchmal sahen Betreuer den schwarzen Mann, manchmal hörten sie nur die Geschichten der Kinder. Geschichten der Nacht. Kinderphantasien, die keine waren. So etwas können sich Kinder nicht ausdenken.

          Die Polizei suchte vergeblich

          Die Polizei fand keine Spur. Und das Jahr 1993 verflog, als wäre der schwarze Mann doch nur ein Albtraum gewesen. Aber er kam wieder. 1994. In Schullandheime, in Zeltlager und in Einfamilienhäuser und Reihenhäuser in Horn-Lehe, einem Stadtteil von Bremen. In den Häusern verging er sich an den Jungen in ihren Kinderzimmern. Die Eltern schliefen, oder sie verbrachten den Abend an einem anderen Ort. 1995 tauchte der schwarze Mann im Dorf Wulsbüttel auf, 40 Kilometer von Hepstedt entfernt. Ein Sandweg führt vorbei an Fichten, Kiefern und Eichen zu der Lichtung, auf der das Schullandheim Wulsbüttel steht.

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