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Mordfall Bögerl : Merkwürdigkeiten und Vorwürfe

1000 Spuren will die Sonderkommission noch abarbeiten: Im April durchsuchte die Polizei noch einmal das Waldstück, in dem die Leiche Maria Bögerls gefunden wurde Bild: dpa

Maria Bögerl wurde entführt und ermordet. Seit zwei Jahren versucht die Soko, den Täter zu finden. Die Kinder der Toten sprechen von Chaos bei den Ermittlungen.

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          Auf den Damm der Autobahn 7 führen 63 Stufen - in den Wald. Hier, einige Kilometer nördlich von Heidenheim, entschied sich am 12. Mai 2010 das Schicksal der 54 Jahre alten Maria Bögerl. Sie wurde entführt und ermordet. Seit zwei Jahren versucht die Soko, den Täter zu finden. Volker Zaiss ist der Chef der Sonderkommission „Flagge“. Mit seinem Dienst-Mercedes fährt er die Tatorte immer wieder ab: das mit Palisaden verkleidete, gepflegte Mehrfamilienhaus der Bögerls im Norden Heidenheims, direkt am Fluss Brenz gelegen, die Geldübergabestelle an der A 7, den Leichenfundort im Wald.

          Philip Eppelsheim

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Landschaft hier heißt Härtsfeld, eine Karsthochfläche am östlichen Rand der Schwäbischen Alb. Ein unübersichtliches Netz von kleinen Straßen durchzieht das Gebiet. Ein Entführer, der das Härtsfeld als Rückzugsraum benutzt, muss sich gut auskennen.

          Ein Zeuge für die Tat fehlt bis heute

          „Wir hatten zu Beginn der Entführungsphase natürlich die Hoffnung, Frau Bögerl könnte lebend zurückkommen. Das schließt manche routinemäßige Maßnahmen aus, wir konnten zum Beispiel die Spurensicherung nicht so einfach zu der Flagge an der Autobahn schicken“, sagt Zaiss und geht unruhig auf dem Waldboden hin und her.

          Der Täter kam am Vormittag in das Haus der Familie Bögerl. Er brach keine Tür auf, hebelte kein Fenster auf. Die Polizei weiß bis heute nicht, wie er in das Haus gelangte. Schlüssel hatten das Ehepaar Bögerl und der Sohn Christoph. Ein weiterer Schlüssel war in der Garage versteckt - in einem künstlichen Stein. Dieses Versteck kannten nur die Familie und der Freund der Tochter. Vielleicht war der Entführer als Lieferant verkleidet.

          Er überwältigte Maria Bögerl. Zurück blieben schwarze Schleifspuren auf dem Boden des Wohnzimmers, daneben ein Schuh von Maria Bögerl. Der zweite Schuh lag auf einem Klavier. Der Entführer brachte Maria Bögerl in die Garage. Sie musste in ihr Auto, einen schwarzen Mercedes der A-Klasse, einsteigen. Der Entführer fuhr mit ihr davon. Ein Zeuge für die Tat fehlt bis heute.

          „Bei einem solchen Fall braucht man Querdenker“

          Am Mittag rief der Entführer mit dem Handy von Maria Bögerl ihren Mann Thomas Bögerl an. Der Kreissparkassenchef saß im Rathaus von Niederstotzingen. Ein Geschäftstermin. Der Entführer forderte mit schwäbischem Akzent 300.000 Euro in einer bestimmten Stückelung. 300.000 Euro - für eine Entführung ist das eine ungewöhnlich niedrige Forderung. An einer mit einer Deutschland-Fahne am Rand der Autobahn 7 markierten Stelle sollte Bögerl das Geld in einem Müllsack abgelegen. Zweieinhalb Stunden gab der Entführer dem Kreissparkassenchef Zeit. Er ließ ihn noch mit seiner Frau sprechen. Wenige Worte nur. Maria Bögerl sagte, sie werde mit einem Messer bedroht.

          Bei Entführungen setzt die Polizei meistens auf ein „Erfüllungskonzept“: Der Schutz der Entführten hat Priorität - vor jeder Fahndungsmaßnahme. Die Polizeidirektion Heidenheim gehört zu den kleinsten Baden-Württembergs. Erfahrung mit einem solchen Entführungsfall hatte dort niemand. Normalerweise werden schnell Spezialisten hinzugezogen, zum Beispiel aus den Landespolizeidirektionen, in denen es jeweils ein „Dezernat für Sonderfälle und Organisierte Kriminalität“ gibt. So geschah es auch dieses Mal. Doch die Kommunikation zwischen den Beamten der Polizeidirektion, der Staatsanwaltschaft in Ellwangen und den hinzugezogenen Spezialisten soll von Anfang an schlecht funktioniert haben.

          „Bei einem solchen Fall braucht man Querdenker, die finden sie in einer so kleinen Polizeidirektion nicht“, sagt ein Polizist. Niemand sagt das öffentlich, der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag macht nur eine vielsagende Andeutung: „Die passenden Strukturen sind vorhanden, die speziellen Einheiten gibt es.“ Soll heißen: Im Fall Bögerl hätten die Spezialisten früher das Kommando übernehmen sollen. Vielleicht funktionierte in Heidenheim auch deshalb das „Erfüllungskonzept“ nicht - durch das Härtsfeld rasten am Entführungstag Fahrzeuge mit Blaulicht. Beamte, getarnt als Radfahrer, hielten sich in der Nähe des Übergabeorts auf.

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