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Mordfall Bögerl : Merkwürdigkeiten und Vorwürfe

Im Klosterhof verlieren sich die Spuren

Thomas Bögerl schrieb später, die Polizei habe ihm mitgeteilt, dass sie das Lösegeld nicht vor 17 Uhr besorgen könne. Er habe seine Bank angerufen, doch die habe die geforderte Stückelung nicht vorrätig gehabt. So habe die Stadt Niederstotzingen einen Blitzkredit bei der Landeszentralbank angefordert. Boten, die das Geld dort abholen sollten, hätten es nicht bekommen. Ein neuer Scheck musste geschickt werden. Erst eine halbe Stunde nach der vereinbarten Lösegeldübergabe sei der Betrag in Niederstotzingen eingetroffen. Die Polizei sagte, Bögerl habe selbst darauf bestanden, das Geld zu besorgen. Bögerls sagten, die Polizei habe keine Versuche unternommen, das Lösegeld selbst zu beschaffen. Wie dem auch sei, Thomas Bögerl brachte das Lösegeld anderthalb Stunden zu spät an den Übergabeort. Unvorhersehbare Probleme „im Zusammenhang mit der Lösegeldbeschaffung“, so nannte es später die Staatsanwaltschaft. Der Entführer holte sich das Geld nicht und meldete sich nie wieder.

Im Innenhof der Benediktinerabtei Neresheim fand die Polizei zwei Tage nach der Entführung die A-Klasse von Maria Bögerl - daran Kalkmatschablagerungen des braunen Jura-Gesteins von den Feldwegen der Umgebung. Den Schlüssel sucht die Polizei bis heute. Die Abtei zählt zu den 50 beliebtesten Ausflugszielen Baden-Württembergs. Viele Touristen kommen dorthin, machen Fotos. Den Täter fotografierte anscheinend niemand.

Soko-Leiter Volker Zaiss steht im Klosterhof. Er gehört zu den besten Ermittlern der baden-württembergischen Polizei. „Hier im Klosterhof“, sagt Zaiss, „verlieren sich die Spuren.“ Die Soko sucht noch immer nach einem Zeugen, „der hier Zigarettenkippen der Marke Gizeh hinterlassen hat, er könnte etwas gesehen haben“.

Untersuchung des Mageninhalts erst zwei Jahre später

Eine Woche nach der Entführung flehten Thomas Bögerl und seine beiden Kinder in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ den Entführer an, Maria Bögerl freizulassen. Das geschah in Absprache mit der Polizei. Viele, die die Sendung sahen, glaubten den Bögerls ihre Trauer nicht. Sie hielten den Auftritt für unecht, für gespielt. Gerüchte und Verdächtigungen wucherten. In Heidenheim, im Internet, in Medien. Die Bögerls wurden diese Schatten nicht mehr los. Aus heutiger Sicht, sagen erfahrene Ermittler, sei es ein Fehler gewesen, einen solchen Auftritt der Familie zuzulassen.

Am 3. Juni 2010 fand ein Spaziergänger Maria Bögerls Leichnam - 1,5 Kilometer von der Geldübergabestelle entfernt, in einem Wald, den zuvor schon Polizisten durchkämmt hatten - sie hatten nur das Handy von Maria Bögerl gefunden. Der Täter hatte die Leiche unter einen Reisighaufen neben einem Weg nicht weit vom Waldrand abgelegt. In Sichtweite befindet sich ein Aussiedlerhof. Doch Zeugen gab es wieder keine. Die Ermittler taten sich schwer, den genauen Todeszeitpunkt festzustellen. Aus unerfindlichen Gründen ließ die Polizei erst zwei Jahre später den Mageninhalt der Toten noch einmal analysieren, einiges deutet auf einen Todeszeitpunkt wenige Stunden nach der Entführung hin.

Der Sohn der Bögerls sagte später, er habe auf der Internetseite einer Boulevardzeitung gelesen, dass die Leiche seiner Mutter gefunden worden sei - die Polizei hatte es ihm bis dahin, so der Sohn, nicht mitgeteilt. Schließlich weigerten sich die Bögerls, den Ermittlern das Kondolenzbuch ihrer verstorbenen Mutter auszuhändigen.

Ein weiteres Gerücht war in der Welt

Das Verhältnis zwischen den Bögerls und der Staatsanwaltschaft sowie der Polizei war nun völlig zerrüttet. Gleich nach der Entführung hatte die Polizei einen Kontaktbeamten zu den Bögerls geschickt, die Chemie zwischen Thomas Bögerl und dem Polizisten soll von Anfang an nicht gestimmt haben. Schließlich verweigerte die Familie ihre Mithilfe an den Ermittlungen, sie zweifelte an der Professionalität, vertraute den Polizisten nicht. Die Ermittler stellten Fragen und bekamen keine Antworten. Die Polizisten unterschätzten am Anfang auch das Selbstbewusstsein des Kreissparkassenchefs. Mehrmals wandte sich Bögerl an das Regierungspräsidium, beschwerte sich über die Arbeit der Polizei.

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