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Möweneier : Feinkost für Verwegene

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Möweneier werden kalt aufgesetzt und zehn bis 15Minuten gekocht, um - wie bei Wildvogeleiern üblich - eine Salmonellen-Vergiftung auszuschließen. Das gekochte Eiweiß schimmert durchsichtig, leicht bläulich trüb wie Opal, das Eidotter ist kräftig orange. Um dem Ganzen die Feierlichkeit eines Essens zu geben, wurden auch Zutaten gereicht. In Bremen servierte man sie mit Radieschen und Kresse, in Hamburg mit Selleriesalz, in Schleswig mit Salz und Pfeffer, Öl und Essig. Viele ließen ein Stück Butter auf dem Ei verschmelzen, und ganz wenige nahmen Senf dazu. In der Gastwirtschaft Bärenkrug im schleswig-holsteinischen Molfsee, wo der Wirt gleichzeitig Pächter der Möweninsel war, gab es früher zur Möweneier-Saison kaum einen freien Platz - die Spezialität wurde mit diversen Salaten über Stunden regelrecht inszeniert.

Bei jedem zweiten Ei einen Schnaps

Da Möweneier schwer im Bauch liegen, galt und gilt die Regel: bei jedem zweiten Ei einen Schnaps, mit steigender Stimmung auch mehr. Das Möweneier-Essen war auch ein ästhetisches Ritual: Man servierte sie in riesigen, mit Salz gefüllten Schalen, um die Wärme der hartgekochten Eier zu halten. Bei geselligen Runden steckten bis zu hundert der hellblauen bis olivgrünen Eier im Salz, und jeder Gast schwor darauf, die einzig wahre Eß-Methode zu praktizieren.

Am banalsten war hierbei das Abpulen und Halbieren der Länge nach; schon ausgefallener war die Technik, das Ei samt Schale mit dem Messer bäuchlings zu halbieren und die Eierhälften dann wie aus einem Eierbecher herauszupieken; bei einer dritten, sehr eigenwilligen und eher privaten Methode wurde das bereits geschälte Ei in die linke Handfläche gelegt, um dann aus unerfindlichen Gründen mit der rechten kurz draufzudätschen und es gleich darauf als Ganzes zu verschlingen.

Eine Lizenz zum Sammeln

Beim Gedanken an den Möweneier-Frühling läuft nostalgischen Küstenbewohnern noch immer das Wasser im Munde zusammen. In Schleswig sind die kleinen Eier dieses Jahr aus Anlaß der Feiern zum 1200jährigen Bestehen der Stadt sogar zum Politikum geworden: Im vergangenen Jahr zogen zweihundert Schleswiger zusammen mit Bürgermeister Torsten Dahl durch die Kreisstadt, um für ein Wiederaufblühen des Möweneier-Rituals zu demonstrieren, eine weitere Aktion ist im Mai vorgesehen. Aus der Hoffnung, vielleicht sogar der dänischen Königin Margrethe bei den Jubiläumsfeierlichkeiten im Juni Möweneier zu servieren, dürfte aber wohl nichts werden.

Die“"Möweninse“" ist sogenanntes Fauna-Flora-Habitat-Gebiet und unterliegt den Vogelschutz-Richtlinien der europäischen Union. Ob in Ausnahmefällen wieder eine Lizenz zum Sammeln von Möweneiern erteilt wird, muß das Bundesland entscheiden. Im Schleswiger Fall fiel das Urteil allerdings negativ aus, weil inmitten der Lachmöwenkolonie inzwischen auch die unter Naturschutz stehende Flußseeschwalbe brütet. Und durch eine erneute Bewirtschaftung der Insel würden die Vögel in ihrer Brut gestört, sagt Thomas Gall, Artenschutzreferent im Umweltministerium des Landes Schleswig-Holstein. Den Schadstoffgehalt der Möweneier habe man deshalb auch gar nicht mehr überprüft.

Auf lokalen Märkten zu kaufen

Uwe Schneider, Vorsitzender des Vereins Jordsand, der gemeinsam mit dem“"Möwenköni“" Gerd Roß die Möweninsel pflegt und vor Wilderern und Touristen schützt, hält Möweneier-Essen ohnehin für antiquiert. Daß mittlerweile das Eiersammeln in bestimmten Regionen unter Auflagen wieder erlaubt werden könnte, ist gleichwohl nur ein schwacher Trost für wahre Liebhaber. In den deutschen Küstengebieten werden Möweneier denn auch nach wie vor heimlich gesammelt und gegessen.

In England und Irland, wo man die Wildvogeleier unter abenteuerlichen Umständen aus den Gehegen an den Steilküsten pflückt, gibt es sie dagegen noch oft auf lokalen Märkten zu kaufen. Als Claudia Schiffer vor zwei Jahren im englischen Suffolk ihre Hochzeit feierte, servierte sie ihren Gästen neben Champagner der Marke Dom Perignon auch Möweneier. Denn für ein echtes Möwenei läßt man von jeher Hummer und Auster stehen.

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