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Modefrage IV : Warum hat Mode in Deutschland keine Tradition?

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Deutsche Adelige orientierten sich an der Hofmode von Schloß Versailles Bild: AP

Warum hat Mode in Deutschland nicht so eine lange Tradition wie in Frankreich, England oder Italien? Und warum erfährt Mode bei uns nicht die gleiche Wertschätzung wie in diesen Ländern?

          Schon im 16. Jahrhundert war in Deutschland einiges anders als zum Beispiel in Frankreich, denn es gab keine einheitliche Hofmode. Da der feudalistische Staat kein Königshaus, sondern viele Fürstentümer hatte, wurde die Mode nicht wie in Frankreich vom König vorgegeben. Jeder entwickelte seine eigenen kleinen Trends, wobei der Hof von Versailles schon immer großes Vorbild war, an dem sich die deutschen Adeligen orientierten.

          Diese Vorbildfunktion setzte sich fort, bis sich schließlich Paris zum Zentrum der Schneiderkunst entwickelte. Doch auch im Berlin der zwanziger Jahre hatten sich viele deutsche Couturiers angesiedelt, die elegante, qualitativ hochwertige Maßarbeiten anfertigten. Mit der Machtergreifung Hitlers brach die Modeszene in Berlin allerdings zusammen, da die meisten Couturiers Juden waren und Hitler durchsetzte, dass nur Arier Mode entwerfen durften.

          Stillstand während des Zweiten Weltkriegs

          Im Nazi-Deutschland avancierten blonde Mädchen mit Zöpfen im Dirndl und Jungen in Lederhosen zum Modevorbild, und die bayerische Tracht wurde von Hitlers Ideologie missbraucht. Außerdem führte der Krieg durch die regelrechte Uniformierung des Landes zu einer Charakterlosigkeit der deutschen Mode. „Normale“ Mode war kaum noch vorhanden.

          Die Hofmode unter König Ludwig XIV. war sehr prunkvoll und auch Vorbild für deutsche Fürsten

          Mit seinem Einmarsch in Paris versuchte Hitler gleichzeitig, die Haute Couture nach Berlin zu verlegen. Dagegen protestierte jedoch die Chambre Syndicale, die die Mode entweder in Paris behalten wollte oder gar keine Couture mehr machen wollte. Der damalige Vorsitzende Lelonge wehrte sich gegen die Verlagerung nach Berlin, und es kam zum Stillstand.

          Auch nach dem Krieg trugen die Trümmerfrauen, die ja andere Sorgen hatten, mit ihren Patchwork-Kleidern aus Stoffresten, Kopftüchern und den gedeckten Farben nicht zur modischen Weiterentwicklung des Landes bei. Erst als der deutsche Couturier Heinz Oestergard, der später die Polizeiuniform entwarf, begann, Diors New Look zu kopieren, kam wieder etwas mehr modisches Bewusstsein nach Deutschland.

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