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Mode : Frisur als Universitätsfach

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Die Frisur als politisches Statement Bild: dpa

Der Kunsthistoriker Christian Janecke unterrichtet an der Technischen Universität Darmstadt Gestaltungslehre, Stilgeschichte und Modetheorie.

          „Dozentur für Waschen, Schneiden, Föhnen“ spötteln die Kritiker - „Das beste Fach unserer Ausbildung“ begeistern sich die Studentinnen. Die Stiftungsdozentur, die das Kosmetikunternehmen Wella vor zehn Jahren an der Technischen Universität Darmstadt (TUD) eingerichtet hat, ruft noch immer gemischte Reaktionen hervor. In diesen Tagen ist der Vertrag verlängert und die Stelle erstmals mit einem Mann besetzt worden. Der Kunsthistoriker Christian Janecke übernimmt die Kurse über “Mode und Ästhetik“ in der Ausbildung der künftigen Berufsschullehrer.

          Der 38-Jährige weiß einiges über den Kopfschmuck zu erzählen. Seine etwa Streichholz-langen Haare, die keck nach oben stehen, schneidet er seit Jahren selbst. „Meine Kollegen sagen, das sei doch Unsinn, sich über eine Haartolle Gedanken zu machen“, erzählt Janecke freimütig. „Ist es aber nicht.“ Denn Haare haben seiner Meinung nach weit mehr Bedeutung, als nur die Kopfhaut zu verdecken.

          Frisur als politische Äußerung

          Vieles lasse sich an ihnen festmachen: geschichtliche und sogar politische Äußerungen. Jede gesellschaftliche Strömung pflege ihre eigene „Frisuren-Rhetorik“, und alle Haarmoden seien schon einmal da gewesen. Zum Beispiel die wild ins Gesicht hängenden Strähnen als Gegenbewegung auf die pomadigen Perücken Ende des 18. Jahrhunderts und als Hippie-Erkennungszeichen rund 150 Jahre später. Der streng gebundene Dutt als Zeichen von Zucht und Anstand, die wild verwuschelte Mähne als Ausdruck von Zügellosigkeit und Leidenschaft. Klischees, die bis heute ihre Wirkung nicht verloren hätten.

          Zur Zeit sei „Bewegung“ en vogue. Musste früher das Haarspray den ordentlichen Sitz auch bei größtem Sturm gewährleisten, so sei seine Aufgabe heute, selbst bei Windstille einen zerzausten Zustand zu halten. Dieser Ausdruck von Dynamik passt für Janecke nicht in eine Zeit, in der „Geschäfte durch Geschäftigkeit ersetzt“ werden. So analysiert der Fachmann an den Frisuren den Zustand der Nation. Die treibende Kraft des Vorankommen-Wollens ist für ihn sichtbar „aus den Köpfen auf die Köpfe gewandert“.

          Sinnvolle Ergänzung für angehende Berufsschullehrer

          Studentin Dorit Kupka ist überzeugt davon, dass die Stillehre der sinnvollste Teil ihres Studiums war. „Das interessiert die Schüler, nicht die chemische Zusammensetzung von Haaren oder anderes Fachwissen.“ Karin Pohl, die demnächst ihr Studium bei Janecke abschließen will, schwärmt ebenfalls: „Es ist das einzige eigene Fach für uns Studenten in der Abteilung Körperpflege. Da müsste das Angebot noch ausgeweitet werden.“ Tatsächlich wählen auffällig viele der rund 30 Studentinnen den Fachbereich für ihre Examensarbeiten zu Themen wie „Die Ästhetik des Fingerlackierens“ oder „Die Farbe blond vom Nationalsozialismus bis heute“.

          Universitätskanzler Hanns Seidler verteidigt das Studienfach gegen allen Spott: „Die Ausbildung unserer Gewerbelehrer ist naturwissenschaftlich exzellent, aber wir haben Defizite im ästhetisch-künstlerischen Bereich. Diese Lücke schließt die Stiftungsdozentur.“ Wella, weltweit Nummer 2 im Friseurgeschäft, lässt sich die Lehrtätigkeit jährlich rund 75.000 Euro kosten.

          „Vokuhila“ als Vorlesungsthema

          Ihrem Dozenten lässt das Unternehmen bei der Themenwahl freie Hand. Er wird sich in diesem Semester vor allem auf Mode konzentrieren und die Haarfrage nur am Rande berühren. Einen kleinen Abstecher könnte er sich bei der „Vokuhila“-Frisur (Vorne kurz hinten lang) vorstellen. Richtig getragen kann dieser Schnitt, etwa bei Actionhelden wie Mel Gibson, Wagemut demonstrieren: „Da ist die Frisur immer schon auf dem Sprung ins nächste Abenteuer.“ Aber bei Phlegmatikern sehe die „Vokuhila“ einfach bescheiden aus. „Wenn die Friseure das von mir lernen, ist schon etwas gewonnen.“

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