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Mobilfunk : SOS in der Kneipe: Bier per SMS bestellen

  • -Aktualisiert am
Ihr Handy, bitte! Bestellen per SMS
          2 Min.

          "Dort in der Kneipe in unserer Straße, da fragt dich keiner, was du hast oder bist." So besang Peter Alexander vor geraumer Zeit "Die kleine Kneipe". Demnächst wird auch keiner mehr fragen müssen, was du willst. Ob Schnitzel oder Bier, Kaffee oder Kuchen - Bestellungen übers Handy sind keine Zukunftsmusik mehr. SMS steht kurz davor, Einzug in deutsche Gastronomiebetriebe zu halten. Als SOS-Notruf für sitzengelassene Gäste, aber auch als Hilfe für stark beschäftigte Kellner, die sich den Gang für die Bestellaufnahme sparen können.

          Eine Kurzmitteilung mit der entsprechenden Zahlenkombination (steht in der Speisekarte) locker vom Barhocker an das Personal geschickt - und schon kommen Speis und Trank zu Tisch. Zumindest im besten Falle. Denn selbst wenn die Bestellung hopplahopp übern Äther geht: Das Pils wird immer noch von Hand gezapft und gebracht. Die SMS-Order ist also keine Vorstufe der vollautomatisierten Kneipe. "Die Bestellung per SMS ist eine große Hilfe für Gastronomen. Aber auch für die Gäste. Denn Zeit ist ja bekanntlich Geld", sagt Bernd Herzmann, der Erfinder dieses Systems.

          Für den schwäbischen Tüftler ist die Bestellung auf Knopfdruck eine bierernste Angelegenheit. Herzmann küdigte seinen Job, um seine Entwicklung, genannt "Mr. SMS", an den Wirt zu bringen. Noch in diesem Jahr will Herzmann mit seinem Reutlinger Unternehmen etwa 50 Gastronomiebetriebe mit Mr. SMS und der dazu nötigen Technik ausstatten. Das Interesse der Gastwirte sei groß und gehe quer durch die Republik.

          Die Idee kam Hermann vor eineinhalb Jahren. Bei einem Biergartenbesuch nörgelte seine Freundin über den anhaltenden Handy-Gebrauch des Partners: "Bestell doch am besten gleich mit dem Handy." Keine schlechte Idee dachte sich Herzmann, modifizierte den Gedanken jedoch zugunsten von SMS. Der ausgebildete Ingenieur entwickelte gleich ein ganzes Kassensystem um dieses Prinzip. Ein Patent darauf ist angemeldet.

          Prototyp wird in Stuttgart getestet

          Der Prototyp von Mr. SMS wird seit einigen Monaten in der Stuttgarter Kneipe "Amadeus" getestet. Mit großem Erfolg. "Ich möchte das System nicht mehr missen," beteuert der dortige Geschäftsführer Michael Colverson. Für seine Mitarbeiter sei es eine riesige Erleichterung. Sie müssen die Bestellungen nur noch vom Bildschirm ablesen. "Viele Gäste glauben zuerst gar nicht, dass es funktioniert," erzählt Colverson, "und probieren es zuerst nur just for fun aus." In Spitzenzeiten werde mittlerweile etwa ein Drittel der Getränke per SMS geordert. "Die Gäste geben sich gegenseitig Tipps, da lassen sich gut Kontakte knüpfen," sagt Colverson. Eine gewisse Größe sollte das Lokal allerdings aufweisen und die Laufwege dementsprechend lang sein - ansonsten lohnt sich die Anschaffung nicht. Für Bierzelte könnte die Angelegenheit folgerichtig interessant werden.

          Dass den Kellnern Arbeit abgenommen wird, die Gebühren für die SMS aber ausschließlich auf das Konto des Gasts gehen, bereitet Colverson kein schlechtes Gewissen: "Jeder 16-jährige hat doch heute ein Handy in der Tasche. Die schicken sich sogar eine „Short Message“, wenn sie sich am Tisch gegenüber sitzen." Moderne Kommunikation für moderne Menschen - warum also auch nicht in der Kneipe? Witzbolde, die das Thekenpersonal mit Spaß-Bestellungen nerven, gehen übrigens von Sendung: Ihre Nummern können blockiert werden.

          Funkloch wäre ungünstig

          Colverson prophezeit, dass viele Gastronomiebetriebe ihre Handy-Verbotsschilder wieder abmontieren werden. Schließlich könne dank Mr. SMS die "Dunkelzifferrate" bearbeitet werden. Damit werden entgangene Bestellungen von Gästen bezeichnet, die entnervt das Lokal verlassen, weil kein Kellner vorbeikam. Die Idee steigert also nicht nur den Umsatz der Telefonnetzbetreiber, sondern auch der Wirte. Vorausgesetzt, die Kneipe befindet sich nicht im Funkloch.

          Was für Gäste getan werden kann, die aufgrund ihres Alkoholpegels nicht mehr tippen können, ist dem Erfinder bislang noch nicht eingefallen. Dafür jedoch eine Variante für die etwas Älteren, denen das Bestellen per SMS zu unpersönlich ist: Mit Mr. SMS kann auch die Musikbox programmiert werden. Die Möglichkeit, für einen Augenblick Diskjockey zu sein - so die Erfahrung im Stuttgarter Amadeus - verleitet so manchen Handy-Muffel doch noch zum Tippen.

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