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Mittelpunkt des neuen Europa : Zentrale Randlage

Die Straße ins Zentrum Bild: dpa

Kleinmaischeid im Westerwald soll der geographische Mittelpunkt der erweiterten EU sein. In dem Dorf herrschen Langeweile und „Gruppenhalt". Was viele Bewohner verbindet: Die Abneigung gegen die Großmaischeider.

          Leicht haben es die Kleinmaischeider auch in diesen Tagen nicht. Obwohl am Treffpunkt Bushaltestelle niemand ernsthaft mit einer Großmaischeider Glückwunsch-Delegation gerechnet hat, die zudem noch Blumen überbringt. Statt dessen haben sich ein paar halbstarke "Kließköppe" (was soviel wie Kloß- oder Knödelköpfe heißt) in ihre tiefergelegten GTIs und BMWs gesetzt und sind die zwei Kilometer hinüber zu den stolzen "Holzböcken" gefahren, um denen in Kleinmaischeid mal zu zeigen, was sie vom künftigen geographischen Mittelpunkt der erweiterten EU und seinen Bewohnern halten.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          "Die haben uns sogar den Mittelfinger gezeigt", erzählt Sara-Carina Lipkow. "Ihr mit eurem Scheiß-Mittelpunkt', haben die gesagt. Und daß sie das erst mal nachmessen wollen, mit 'nem Zollstock." Zugegeben: Großmaischeid ist wirklich nur einen Katzensprung entfernt, Paris dagegen ist weit. Das Nationale Geographieinstitut Frankreichs (IGN) könnte sich durchaus verrechnet haben.

          Legende um Maischeider Pfarrer

          Die neidvollen Einwohner des - wie der Name zu Recht andeutet - größeren Maischeids sind es nicht gewohnt, von ihren Nachbarn übertrumpft zu werden. Seit mindestens 700 Jahren waren die Kleinmaischeider nicht nur kleiner, sondern auch unbedeutender. Nicht einmal einen eigenen Pfarrer konnte sich die Gemeinde leisten, nur eine sogenannte Filialkirche, die nach Wendelinus benannt ist und mehrfach wieder aufgebaut werden mußte - zuletzt 1953.

          Auch wenn der Gottesdienst meist in Großmaischeid stattfand, hin und wieder machte sich der Pfarrer doch auf den Weg nach Kleinmaischeid. Dabei, so wird erzählt, wurde einer der Würdenträger mitsamt seinen zwei Meßdienern vom Blitz erschlagen. Noch heute erinnern drei Kreuze am Ortseingang von Kleinmaischeid an die unselige Geschichte, die von Historikern allerdings angezweifelt wird. Ins Gedächtnis aller Maischeider jedoch hat sich die Legende fest eingebrannt.

          "Langweilig!"

          Sara-Carina Lipkow will die erste Kleinmaischeiderin gewesen sein, die von den Berechnungen der Pariser Geographen erfahren hat. Im Videotext habe sie es noch am Donnerstag abend im Fernsehen gelesen. Jeden Nachmittag trifft sich die Sechzehnjährige mit ihren Freundinnen in ihrem ganz persönlichen Dorfmittelpunkt an der Hauptstraße. Dort sitzen sie, unter dem hölzernen Bushäuschen, und warten auf "die Jungs" aus der Clique, die nicht nur, weil sie ein paar Jahre älter sind, länger arbeiten müssen, sondern auch schon Autos mit jeder Menge Heck- und Frontspoilern fahren dürfen.

          Die Mädchen sind ebenfalls bestens ausgestattet: mit Motorrollern - falls sie mal ein Eis essen (im sechs Kilometer entfernten Dierdorf) oder ins Schwimmbad gehen wollen (im ebenfalls rund sechs Kilometer entfernten Rengsdorf). "Ohne Roller oder Auto kommst du aus dem Dorf ja nicht weg", sagt Sara-Carina Lipkow unter dem beifälligen Gemurmel ihrer Freundinnen. Weg wollen sie alle - jeden Nachmittag und vor allem am Wochenende. Auf die Frage, wie sie denn den neuen Mittelpunkt der EU finden, antworten die Schülerinnen spontan: "Langweilig!"

          Auf Dauer wollen aber offenbar alle Kleinmaischeider in Kleinmaischeid bleiben: selbst der 23 Jahre alte Mirko Schumann, der wenig später in seinem viel zu lauten Golf um die Ecke biegt. Der Versicherungskaufmann fährt täglich zur Arbeit nach Mayen in die Osteifel, eine Strecke von jeweils 55 Kilometern. "Der Gruppenhalt", sagt Schumann, "ist einfach sehr groß."

          Die Eyls und die Hoffmanns

          Kleinmaischeider einer Generation machen von Kindesbeinen an alles zusammen: Gemeinsam geht man in den Kindergarten und zur Grundschule, zur Kommunion und zur Firmung, wird Mitglied in der Kirmes- und der Karnevalsgesellschaft "Rot-Weiß", hilft bei der Freiwilligen Feuerwehr, kickt für den SV Maischeid.

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