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Mittelpunkt der EU : Mitten am Rand

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Zentral gelegen: Nach dem Beitritt Kroatiens ist Westerngrund im Landkreis Aschaffenburg der neue Mittelpunkt der Europäischen Union Bild: Rainer Wohlfahrt

Westerngrund in Unterfranken ist seit dem 1. Juli, als Kroatien Mitglied der Europäischen Union wurde, Mittelpunkt der EU. Eine Reise ins neue Zentrum Europas.

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          „Einmal zum Mittelpunkt der EU, bitte.“ Der graumelierte Fahrer der Buslinie 30 regt sich nicht, die Sonnenbrille sitzt. „Mittelpunkt der EU“: Die Station steht nicht auf seinem Fahrplan vom hessischen Gelnhausen ins bayerische Schöllkrippen. „Zum Mittelpunkt von Schöllkrippen?“ Nein, nein, zum Mittelpunkt der Europäischen Union. „Na, Sie müssen schon wissen, wo Sie hinwollen.“ Nach Westerngrund, seit dem 1. Juli Zentrum der Europäischen Union. Geographisch gesehen. Jetzt verstehen wir uns: „Oberwestern, Unterwestern, Huckelheim?“ Ins Zentrum bitte. Macht 2,70 Euro.

          Die Massen strömen an diesem Morgen nicht zum Mittelpunkt der Europäischen Union. Der einzige weitere Fahrgast, erste Reihe, bleibt nur ein paar Stationen: „Auf dem Rückweg fahre ich dann wieder mit dir“, sagt die Dame zum Fahrer. „Kann ich an der Straße warten oder muss ich zur Haltestelle?“ In Oberwestern steigt keiner aus. Das Dorf ist das Zentrum der Gemeinde mit 1900 Einwohnern, zu der sonst noch die Örtchen Huckelheim im Norden und Unterwestern im Süden gehören. In Oberwestern ist der Bäcker, das Rathaus, die Turnhalle, die Kirche - und seit dem 1. Juli der geographische Mittelpunkt der Europäischen Union. Bloß wo genau?

          Hinweisschilder sucht man bislang vergebens, aber auf der Straße weiß jeder, wo es langgeht: Die Schulzengrundstraße hoch, vorbei an ein paar Häusern, dem Ruhebänkchen, dem Hühnerhaufen, bis aufs Feld, und mitten auf der Wiese steht dann der Mast mit der gelb-roten Flagge: die Farben von Westerngrund.

          Im Januar wandert der Mittelpunkt noch weiter

          Ein paar Meter weiter schottert Gemeindearbeiter Walter Schönack gerade den Weg für den 31. Juli. Dann kommt der bayerische Finanzminister Markus Söder und zeigt, wo der Mittelpunkt ganz genau ist. Die Kartographen vom Institut de Géographie in Paris haben das Zentrum nach dem Beitritt Kroatiens am 1. Juli neu berechnet: 9 Grad 15 Minuten östlicher Länge und 50 Grad 7 Minuten nördlicher Breite - da liegt Westerngrund. „Wir haben den Mittelpunkt den Hessen abgerungen“, freut sich Anwohnerin Dorothea Janocha.

          Bilderstrecke

          Bis zum 1. Juli hatte das hessische Gelnhausen-Meerholz, zwölf Kilometer nördlich von Westerngrund, den Titel für sechseinhalb Jahre inne - und ausgiebig für das Stadtmarketing genutzt. Die Gemeinde mit ihren 3700 Einwohnern gestaltete einen Platz mit Bänken, es gab EU-Shirts, Silbermedaillen und eine Sandstein-Skulptur, an der sich Chinesen fotografieren ließen. Die Westerngründer sind mit Bauplänen noch vergleichsweise zurückhaltend, auch weil der Mittelpunkt im Januar 2014 noch einmal weiterwandern soll. Dann wird die Inselgruppe Mayotte nördlich von Madagaskar äußerstes Randgebiet der EU. Der Mittelpunkt werde aber weiter auf dem Gebiet der Gemeinde Westerngrund liegen, versichert Manfred Popp von der bayerischen Vermessungsverwaltung. Es gehe vielleicht um 500 Meter.

          Bevor Bürgermeister Josef Kilgenstein aus dem Urlaub zurück ist, passiert sowieso nicht viel. Er weilt in der Türkei, so heißt es, einem Land, das Westerngrund irgendwann den Titel kosten könnte. Sein Stellvertreter Karl-Heinz Maier lässt wissen, dass sich der Gemeinderat nach den Sommerferien mit dem Thema „Mittelpunkt“ beschäftige.

          Zwischen drei Golfplätzen

          Die große EU-Euphorie ist in Westerngrund bislang ausgeblieben. Man habe eben keine so enge Beziehung dazu, sagt Ewald Heim, Inhaber der Brotzeitstube „Zum Kuhstall“. „Wenn die Kreisstraße ausgebaut wird und man bekommt einen Bescheid, dass man 500 Euro zahlen muss, dann ist einem das näher, als wenn in Brüssel irgendein Projekt angestoßen wird“, sagt Brigitte Heim, seine Frau. Auch wenn das EU-Projekt vielleicht Milliarden koste, auch aus Steuergeldern.

          Blaue Fahnen mit gelben Sternen wurden noch nicht gehisst in den Gärten, obwohl die Fahnenmast-Kultur im Ort durchaus ausgeprägt ist. Bloß wehen daran die Flaggen von Deutschland, dem Freistaat, dem FC Bayern, der Frankfurter Eintracht und sogar von Finnland (vor dem örtlichen Ofengeschäft) und dem HSV. Aber Nicola Elberg, die Frau mit der HSV-Flagge im Garten, fühlt sich durch die Entscheidung der Kartographen aus Paris durchaus bestätigt. Die Nürnberger Unternehmensberaterin und ihr aus Hamburg stammender Mann hätten sich nämlich schon vor einem Jahrzehnt Westerngrund als Wohnort im Mittelpunkt Deutschlands ausgesucht, meint sie lachend. Neben der HSV-Flagge steht eine kleine Yacht.

          Elbergs Ehemann pendelt nach Hamburg. Die beiden haben sich bewusst für das Landleben entschieden. „Für meinen Mann ist es wichtig, wenn er abends mal eine richtig lange Strecke Rasen mähen kann“, berichtet die 37 Jahre alte Mutter. Und die Yacht hier so auf dem Land? „Mein Mann segelt auch gerne trocken.“ Westerngrund liege zwischen drei Golfplätzen. Was sie besonders an dem Ort schätzt ist aber, dass man eben nicht nur unter Seinesgleichen bleibt. „Die Leute hier waren so welcoming“, sagt Elberg. Kurz nach dem Einzug habe plötzlich der Metzger mit der noch blutverschmierten Schürze vor der Tür gestanden und gesagt: „Ich habe gerade frische Würscht. Wollt ihr welche?“

          Mittelpunktsbrot aus Sauerteig

          Das Vereinsleben ist rege in Westerngrund. Wenn man die Bewohner fragt, was ihre Gemeinde ausmacht, nennen sie das neben der Natur als Erstes. Beim Obst- und Gartenbauverein gibt es sogar beides zusammen, Gemeinschaft und Natur. Der nächste Sommerschnittkurs, so verrät der Schaukasten vor dem Rathaus, ist für den 27. Juli geplant. Wann sich die Vogelschützer zum nächsten Mal treffen, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Im Fenster der alten Schule findet sich zwar ein entsprechendes Schild. Ein Termin ist jedoch nicht eingetragen. Ob der Verantwortliche ein Telefon habe, vermag Brigitte Heim vom „Kuhstall“ nicht zu sagen. Im Telefonbuch (A5, dünn, vierstellige Nummern) findet sie ihn jedenfalls nicht.

          Eine Handvoll Gaststätten gibt es in Westerngrund. Darunter eine, in der die aromatische und die geographische Kulisse dem Namen „Schnapsranch“ entspricht. Die „Speisegaststätte Zur neuen Welt“ hat leider nicht überlebt. Ist das für die jungen Leute zu wenig? Carolin Kilgenstein, die hier ihre Jugend verbracht hat, sieht das nicht so. Schließlich könne man abends nach Gelnhausen oder Aschaffenburg fahren. Im Zweifel würden einen die Eltern abholen, meint die Achtundzwanzigjährige. Ein Tante-Emma-Laden in Westerngrund wäre aber nicht schlecht. Zurzeit übernimmt das Bäcker Biebrich: Neben Brötchen und Kuchen verkauft er Nudeln, Hefe, Dosenbier und Jägermeister. Zudem hält er die Grundausstattung für ein klassisches Tütchen loser Süßigkeiten vor, traditionellerweise neben Mohrenkopf-Brötchen die Kernkompetenz des Schwimmbadkiosks (süße Kirschen, saure Zungen, Brausestangen). Neu im Sortiment, als gesunde Alternative: Mittelpunktsbrot aus Sauerteig mit Koriander.

          „Von wegen am Arsch der Welt“

          Bei den ersten Marketing-Aktivitäten in Eigenregie wird Kreativität großgeschrieben: Metzger und Gartenfreund Gerold Schuhmacher bietet seit Dienstag die „EU-Mittelpunkt-Rosenbratwurst“. Mit Duftrosen. Die „Fischerstube“ startete das Projekt: „Unsere Forellen im Mittelpunkt“. Das Konzept: Themenwochen, in denen die Forelle aus eigener Zucht jede Woche mit Beilagen aus einem EU-Staat daherkommt. Jetzt im Sommer sind zunächst die südlichen Länder dran, die Sorgenkinder der EU. „Die deutsche Forelle mit Blutwurst und Sauerkraut kann man erst mal nicht bringen“, sagt Köchin Britta Görlinge. Die griechische Forelle könnte es schwer haben. „Schafskäse ist ja nicht jedermanns Sache“, meint Görlinge.

          Im „Kuhstall“ war der erste Gedanke: „Wir machen einen EU-Zuschlag.“ Ein Scherz natürlich, die Preise für den Handkäs mit Musik werden stabil bleiben. Unterdessen laufen in der Schulzengrundstraße, die aus dem Dorf zur neuen Mitte führt, die Vorbereitungen auf den Ministerbesuch am 31. Juli. Mediendesignerin Carolin Kilgenstein hat ein T-Shirt entworfen, das sich die Anwohner am großen Tag überstreifen sollen. Auf dem Rücken ist die EU-Karte abgebildet mit einem roten Punkt und die Aufschrift: „Mittelpunkt der EU - Westerngrund Schulzengrundstraße“. Und vorn auf der Brust? „Von wegen am Arsch der Welt.“

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