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Mittelpunkt der EU : Mitten am Rand

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Elbergs Ehemann pendelt nach Hamburg. Die beiden haben sich bewusst für das Landleben entschieden. „Für meinen Mann ist es wichtig, wenn er abends mal eine richtig lange Strecke Rasen mähen kann“, berichtet die 37 Jahre alte Mutter. Und die Yacht hier so auf dem Land? „Mein Mann segelt auch gerne trocken.“ Westerngrund liege zwischen drei Golfplätzen. Was sie besonders an dem Ort schätzt ist aber, dass man eben nicht nur unter Seinesgleichen bleibt. „Die Leute hier waren so welcoming“, sagt Elberg. Kurz nach dem Einzug habe plötzlich der Metzger mit der noch blutverschmierten Schürze vor der Tür gestanden und gesagt: „Ich habe gerade frische Würscht. Wollt ihr welche?“

Mittelpunktsbrot aus Sauerteig

Das Vereinsleben ist rege in Westerngrund. Wenn man die Bewohner fragt, was ihre Gemeinde ausmacht, nennen sie das neben der Natur als Erstes. Beim Obst- und Gartenbauverein gibt es sogar beides zusammen, Gemeinschaft und Natur. Der nächste Sommerschnittkurs, so verrät der Schaukasten vor dem Rathaus, ist für den 27. Juli geplant. Wann sich die Vogelschützer zum nächsten Mal treffen, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Im Fenster der alten Schule findet sich zwar ein entsprechendes Schild. Ein Termin ist jedoch nicht eingetragen. Ob der Verantwortliche ein Telefon habe, vermag Brigitte Heim vom „Kuhstall“ nicht zu sagen. Im Telefonbuch (A5, dünn, vierstellige Nummern) findet sie ihn jedenfalls nicht.

Eine Handvoll Gaststätten gibt es in Westerngrund. Darunter eine, in der die aromatische und die geographische Kulisse dem Namen „Schnapsranch“ entspricht. Die „Speisegaststätte Zur neuen Welt“ hat leider nicht überlebt. Ist das für die jungen Leute zu wenig? Carolin Kilgenstein, die hier ihre Jugend verbracht hat, sieht das nicht so. Schließlich könne man abends nach Gelnhausen oder Aschaffenburg fahren. Im Zweifel würden einen die Eltern abholen, meint die Achtundzwanzigjährige. Ein Tante-Emma-Laden in Westerngrund wäre aber nicht schlecht. Zurzeit übernimmt das Bäcker Biebrich: Neben Brötchen und Kuchen verkauft er Nudeln, Hefe, Dosenbier und Jägermeister. Zudem hält er die Grundausstattung für ein klassisches Tütchen loser Süßigkeiten vor, traditionellerweise neben Mohrenkopf-Brötchen die Kernkompetenz des Schwimmbadkiosks (süße Kirschen, saure Zungen, Brausestangen). Neu im Sortiment, als gesunde Alternative: Mittelpunktsbrot aus Sauerteig mit Koriander.

„Von wegen am Arsch der Welt“

Bei den ersten Marketing-Aktivitäten in Eigenregie wird Kreativität großgeschrieben: Metzger und Gartenfreund Gerold Schuhmacher bietet seit Dienstag die „EU-Mittelpunkt-Rosenbratwurst“. Mit Duftrosen. Die „Fischerstube“ startete das Projekt: „Unsere Forellen im Mittelpunkt“. Das Konzept: Themenwochen, in denen die Forelle aus eigener Zucht jede Woche mit Beilagen aus einem EU-Staat daherkommt. Jetzt im Sommer sind zunächst die südlichen Länder dran, die Sorgenkinder der EU. „Die deutsche Forelle mit Blutwurst und Sauerkraut kann man erst mal nicht bringen“, sagt Köchin Britta Görlinge. Die griechische Forelle könnte es schwer haben. „Schafskäse ist ja nicht jedermanns Sache“, meint Görlinge.

Im „Kuhstall“ war der erste Gedanke: „Wir machen einen EU-Zuschlag.“ Ein Scherz natürlich, die Preise für den Handkäs mit Musik werden stabil bleiben. Unterdessen laufen in der Schulzengrundstraße, die aus dem Dorf zur neuen Mitte führt, die Vorbereitungen auf den Ministerbesuch am 31. Juli. Mediendesignerin Carolin Kilgenstein hat ein T-Shirt entworfen, das sich die Anwohner am großen Tag überstreifen sollen. Auf dem Rücken ist die EU-Karte abgebildet mit einem roten Punkt und die Aufschrift: „Mittelpunkt der EU - Westerngrund Schulzengrundstraße“. Und vorn auf der Brust? „Von wegen am Arsch der Welt.“

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