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Schneller als der Krankenwagen : Wenn der Sanitäter per App gerufen wird

Notärzte, Sanitäter und Feuerwehrleute helfen und retten Menschen aus Notlagen, auch nachts und am Wochenende – so wie hier im Januar in Stuttgart. Bild: dpa

Der Verein Mobile Retter alarmiert Ersthelfer mit einer App, um Patienten möglichst schnell versorgen zu können. Die Methode verschafft den Sanitätern wertvolle Minuten. Doch von seinem eigentlichen Ziel ist der Verein noch weit entfernt.

          Der Zeitpunkt muss passen. Wenn Michael Eckert, wie er es manchmal tut, noch im Schlafanzug vor dem Computer sitzt, die Fenster aufgerissen, um frischen Wind durch die Wohnung zu lassen, dann ist es ein schlechter Moment, um Leben zu retten. In zwei Minuten anziehen, Fenster zu, ins Auto und los zur Herzdruckmassage? „Keine Chance“, sagt Eckert. Dann klickt er lieber auf „Auftrag abgeben“, und die Mobile-Retter-App sucht weiter voll autonom nach Hilfe.

          Aber meist passt der Zeitpunkt. Dann zuckt Eckert zwar zusammen, wenn sein Smartphone schrillt, aber das tut der Lehrer und ausgebildete Rettungssanitäter immer, und mehr als eine Sekunde Zeit kostet ihn der Schreck nicht. Das ist wichtig, denn bei einem Notfall zählt jede Sekunde. Nach einer Minute sind die Überlebenschancen bei einem plötzlichen Herzstillstand schon um zehn Prozent gesunken. Im Schnitt dauert es neun Minuten, bis ein Rettungswagen zum Patienten gelangt.

          Die mobilen Retter sind meistens schneller. Im vergangenen Jahr waren sie durchschnittlich in vier Minuten und 48 Sekunden am Einsatzort. Michael Eckert brauchte sogar nur drei Minuten und 30 Sekunden, als es Gabriele Schürmann beim Schaufensterbummel in Steinhagen bei Gütersloh schlecht wurde. Ein Aorten-Aneurysma. Sie dachte noch: Ich setze mich besser mal auf diese Treppe da – der Rest ist weg. Eckert war gerade auf dem Weg nach Hause vom Einkaufen und fuhr zufällig an Steinhagen vorbei. Wäre er nicht da gewesen, sagt Schürmann – sie wisse nicht, was passiert wäre. Schürmanns Sohn ist bei der Feuerwehr in Gütersloh. Er arbeitete gerade in der Einsatzleitstelle, als seine Mutter bewusstlos wurde – und ein Rettungswagen war nicht aufzutreiben.

          „Dabei hätte ich ihm viel schneller helfen können“

          Die Idee der mobilen Retter ist so simpel, das man sich fragt, wieso vor Ralf Stroop noch niemand darauf gekommen ist. Der Notfallmediziner erfuhr erst, dass sein Nachbar gerade in Lebensgefahr schwebt, als er das Martinshorn hörte und das Blaulicht vor seinem Fenster sah. „Dabei hätte ich ihm doch viel schneller helfen können“, dachte er sich damals, vor fünf Jahren. Das Konzept der Mobilen Retter heute: Jeder, der für einen Notfalleinsatz ausgebildet ist – ob Krankenpfleger, Feuerwehrleute, Sanitäter oder Ärzte–, kann sich registrieren, lädt die zugehörige App runter und wird, wie Michael Eckert, von der Einsatzleitstelle alarmiert, sobald in der Nähe ein Notfall passiert.

          Das System gibt es in zehn Regionen in Deutschland, in Essen und Bielefeld wird es gerade etabliert. Etwas mehr als 5400 aktive mobile Retter haben sich registriert. Hört sich erstmal nicht schlecht an, schließlich können 5400 Helfer so einiges gegen den plötzlichen Herztod ausrichten. Allein Michael Eckert wurde seit Weihnachten schon zu vier Notfällen gerufen.

          Aber von seinem eigentlichen Ziel ist der Verein Mobile Retter noch weit entfernt: 100.000 ehrenamtliche Helfer sollen es werden, überall in Deutschland. Markus Lünsmann, der das System entwickelte, hat es sogar so konzipiert, dass es sich auf Europa ausweiten ließe. Er plant schon mit Drohnen, die Defibrillatoren dabei haben und den Ersthelfern vorausfliegen.

          Die Geräte, die mit gezielten Stromstößen Herzrhythmusstörungen beenden, sind in Deutschland immer noch Mangelware. Ein Ersthelfer muss oft so weit zum nächsten Defibrillator laufen, dass der Patient schon tot wäre, würde der Retter das Gerät noch holen. Ist gerade nur ein Ersthelfer verfügbar, muss es ohne Defi gehen.

          Dass es wenigstens irgendwo im Umkreis einen Defibrillator gibt, das geht in vielen Fällen auf die Björn-Steiger-Stiftung zurück. Die Organisation, die im Juli vor 50 Jahren gegründet wurde, ist für einen großen Teil der modernen deutschen Notfallhilfe verantwortlich. Das Ehepaar Steiger hat nach dem Verkehrstod ihres Sohnes Björn die Notrufnummern 110 und 112 in ganz Deutschland eingeführt, es hat die Luftrettung etabliert, Krankenwagen mit Funkgeräten ausgestattet, Tausende Notrufsäulen eingeführt, Baby-Notarztwagen entwickelt und Ersthelfer ausgebildet.

          Die mobilen Retter sind das neueste Projekt der Björn-Steiger-Stiftung. Am Montag verkündeten Verein und Stiftung ihren Zusammenschluss. Stefan Schmitgen von Mobile Retter, glaubt, dass die „Netzwerkkompetenz“ der Björn-Steiger-Stiftung seinem Verein einen „enormen Schub“ geben wird. Auch Pierre-Enric Steiger, Präsident der Stiftung und Bruder des verstorbenen Björn, ist zuversichtlich, dass Retter wie Eckert bald überall in Deutschland helfen können, nicht nur in Steinhagen.

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