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Miss World Wahl : Azra Akin - der neue Stolz der Türkei

  • -Aktualisiert am

Miss World: Die Türkei ist stolz auf Azra Akin Bild: AP

Eigentlich haben in der Türkei die alten Tradition wieder Konjunktur. Doch eine Miss World eint die Nation im Stolz - auch ohne Kopftuch.

          Atatürk hätte an der türkischen Miss World 2002 sicher seine Freude gehabt. Der Gründer der modernen Türkei, der den Männern den orientalischen Fes verbat und mit einem Panamahut auf dem Kopf die neue Richtung vorgab, umgab sich vorzugsweise mit Künstlerinnen und westlich gekleideten Frauen. Ein Ideal, wie es die frisch zur Miss World gekürte Azra Akin nicht besser verkörpern könnte: 21 Jahre jung, offenes schulterlanges Haar, in einem tief dekolletierten Kleid des berühmten türkischen Modemachers Cemil Ipekci.

          Pikanterweise fällt die Kür der in den Niederlanden aufgewachsenen Azra zur Weltschönheit in eine Zeit, in der in der Türkei wieder einmal heftig über das politisch verpönte Kopftuch gestritten wird. So einfach, wie sich das Atatürk in den 20er und 30er Jahren gedacht hat, lassen sich Traditionen in dem über Jahrhunderte islamisch geprägten Land nicht abstreifen.

          Minirock und Kopftuch

          Die Gegensätze sind augenfällig. Während leicht bekleidete Stars, Sternchen und Modells von den Seiten der Boulevardpresse nicht mehr wegzudenken sind, entsprechende Magazinsendungen im Fernsehen zu den meistgesehenen Programmen zählen, gehören selbst in der
          Metropole Istanbul islamisch-sittsam getragene Kopftücher oder auch von Kopf bis Fuß schwarz verschleierte Frauen zum Alltagsbild - neben Frauen in Miniröcken und schicken Autos.

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          Mit dem Wahlsieg der islamisch orientierten konservativen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat das in Schulen und Ämtern verbotene Kopftuch nunmehr sogar vorsichtigen Einzug in die oberen Etagen des Staates gehalten: Die Frau von Regierungschef Abdullah Gül trägt den „Turban“, wie das Kopftuch in der Türkei genannt wird, ebenso die Gattinnen der meisten Minister und natürlich auch die Frau des AKP-Vorsitzenden Recep Tayyip Erdogan, des neuen „starken Mannes“ in der Türkei.

          Kulturpolitischer Kampf mit offenem Ende

          Die Verbissenheit, mit der dieser symbolträchtige Streit in der Türkei, das sich seit Atatürk der strikten Trennung zwischen Religion und Staat verschrieben hat, ausgetragen wird, ist in Europa kaum nachvollziehbar. Nimmt er doch zumindest auf der politischen Bühne bizarre Formen an, die in den Augen eines Europäers einem Eiertanz gleichen. Bei seinem jüngsten Deutschlandbesuch verzichtete Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer darauf, seine Frau mitzunehmen - nur um sich nicht, wie vom Protokoll vorgeschrieben, am Flughafen vom Parlamentspräsidenten und dessen Frau verabschieden lassen zu müssen. Denn diese trägt ein Kopftuch.

          Wie dieser „kulturpolitische“ Kampf ausgehen wird, mag im Moment niemand so recht zu sagen. Die neue Regierung will das Kopftuch ohneKonfrontation im „Konsens“ gesellschaftsfähig machen - und setzt dabei augenscheinlich auf eine schleichende Tolerierung. Ob es jemals eine türkische Miss World mit Kopftuch geben wird? Bei aller Zerrissenheit zwischen Tradition, Islam und Moderne eint die türkische Seele der Nationalstolz, der Miss World Azra Akin jetzt ebenso entgegenflog wie der türkische Nationalelf im vergangenen Jahr nach ihren Erfolgen bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea.

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