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Millionenbetrug : Die gepflegte Abzocke

Bild: Jan Bazing

Die Methoden krimineller Pflegedienste werden immer dreister. Sie vernachlässigen Pflegebedürftige, rechnen Scheinleistungen ab, kassieren für gesunde und sogar für tote Patienten. Es geht um Millionen, doch der Rechtsstaat sieht zu.

          Der Mann war zwei Köpfe größer als die Frau, dreißig Jahre jünger und sehr, sehr wütend. Es war Mitte Januar, er stand in ihrer kleinen hellen Einzimmerwohnung und hielt ihr den „Leistungsnachweisbogen“ vors Gesicht. Frau G., klein, rundlich, blondgefärbter Pagenkopf, sollte unterschreiben, dass der Pflegedienst, für den der Mann arbeitete, sie im Dezember jeden Tag versorgt hätte - dabei war er nur dreimal da gewesen. Sie hatte es gewagt, ihre Unterschrift zu verweigern, und nun wischte der Mann mit der freien Hand das Frühstücksgeschirr vom Küchentisch und brüllte: „Du Hure, du wirst unterschreiben, sonst bring ich dich um!“ Dann stieß er sie rückwärts auf die Couch.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So schildert Frau G., 59 Jahre alt, Migrantin und seit vierzig Jahren in Berlin-Neukölln, den letzten Besuch des Mitarbeiters eines ambulanten privaten Pflegedienstes, der zwei Jahre lang jeden Monat etwa tausend Euro von der Stadt Berlin dafür erhalten hat, dass er sie angeblich pflegt. Frau G. hat den Mann angezeigt und einen anderen Dienst mit ihrer Pflege beauftragt. Aber ihren Namen möchte sie trotzdem nicht öffentlich machen, denn sie ahnt: „Diese Person ist sehr gefährlich.“

          Das ist sogar noch untertrieben. Von „mafiosen Strukturen“ spricht Michael Büge, Staatssekretär für Soziales im Berliner Senat: Ein Drittel der 560 ambulanten Pflegedienste in Berlin betrüge systematisch, es gehe um eine Summe von 100 Millionen Euro im Jahr allein in der Hauptstadt, die zu Unrecht abgerechnet werde. Das Prinzip ist immer das gleiche: Die Dienste kassieren für Leistungen, die sie nicht erbracht haben. Und sind dabei sehr erfindungsreich.

          Der Einsatz von körperlicher Gewalt gegen Pflegebedürftige sei zwar eine „neue Dimension“, sagt Carola Röder, gelernte Krankenschwester und Controllerin beim Bezirksamt Neukölln, die den Pflegediensten auf die Finger schaut. Aber alltäglich ist es inzwischen, dass Pflegedienste Geld von der Pflegekasse oder dem Sozialamt erschleichen, das auf direktem Weg in die Taschen der privaten Inhaber fließt.

          Manche Klienten wissen nichts vom Betrug - andere kassieren mit ab

          Variante eins: Der Klient weiß nichts vom Betrug des Pflegedienstes und wird ohne sein Wissen instrumentalisiert. Der Dienst kassiert das gesamte Pflegegeld, macht alle Behördengänge und sorgt dafür, dass niemand die Vernachlässigung des Patienten bemerkt. Herr K. zum Beispiel, ein älterer Herr aus dem Stadtteil Wedding, öffnete der Bedarfsermittlerin des Sozialamtes, einer Pflegefachkraft, Ende Februar die Tür zu einer vollkommen verdreckten und eiskalten Wohnung. Er habe „extrem verloren, traurig und depressiv“ auf sie gewirkt, berichtet sie.

          Auf ihre Frage an den kurz darauf eintreffenden Pflegedienst, warum Herr K. nicht zum Psychosozialen Dienst geschickt worden sei, erhielt sie die Antwort, man habe noch nie etwas von der Existenz des Psychosozialen Dienstes gehört. „Wir haben hier viele Flüchtlinge, traumatisierte Menschen ohne Familie“, erklärt Controllerin Röder. „Die brauchen Unterstützung, sie kommen mit den Behörden nicht zurecht. Oft landen sie in den Fängen von Pflegediensten, auch wenn sie noch jung und körperlich gesund sind. Diese Leute unterschreiben alles und wissen nicht, was sie damit anrichten - aus lauter Angst davor, dass der Pflegedienst nicht mehr kommt und sie ganz allein dastehen.“

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