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Millionen Kundendaten : Das Ende des anonymen Bahnfahrers

Untertauchen in der Masse: die Bahn weiß mehr über ihre Kunden, als viele von ihnen denken Bild: dpa

Mit dem Sammeln von Daten ist die Deutsche Bahn den Reisenden auf der Spur. Nur noch die Hälfte der Kunden zahlt ihre Fahrkarten bar. Von vielen übrigen kennt der Konzern zumindest den Namen und die Bankverbindung oder Kreditkartennummer.

          Die Zeit des anonymen Bahnfahrens ist fast vorbei. „Natürlich können sie immer noch mit Bargeld am Schalter oder am Automaten eine Fahrkarte kaufen. Dann kennt niemand ihre Adresse oder Kontonummer“, sagt die Datenschutzbeauftragte der Deutschen Bahn, Chris Newiger. „Aber die anonymen Kunden werden auch bei uns bald in der Unterzahl sein.“ Tatsächlich hat sich das Verhalten der Verbraucher gewandelt: Nur noch die Hälfte der Bahnkunden zahlt ihre Fahrkarten bar. Von den vielen übrigen kennt die Deutsche Bahn zumindest den Namen und die Bankverbindung oder Kreditkartennummer.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Oft weiß der große Konzern noch viel mehr über seine Kunden: Wer mit dem „Verspätungsalarm“ über seinen unpünktlichen Zug informiert werden will, muss der Bahn seine E-Mail-Adresse oder Handynummer preisgeben. Ist der Fahrgast einer der 4,9 Millionen Bahncard-Inhaber oder sammelt er Bahn-Bonus-Punkte, weil ihm als Vielfahrer Prämien winken, will die Bahn zusätzlich zu Adresse und Zahlungsmittel gern sein Geburtsdatum wissen. Nutzt er gar mit seinem Handy schon das ticketlose System „Touch & Travel“, kann die Bahn komplette Bewegungsprofile anfertigen. Sie weiß dann genau, wann Hans Müller mit Frau und Kindern von Kiel nach Dortmund gefahren ist. Sie kennt sein Konto bei der Kreissparkasse. Und sie könnte ihm sogar zum Geburtstag gratulieren und, sollte er treuer Stammkunde sein, eine kleine Aufmerksamkeit nach Hause schicken.

          Kunden fühlen sich offenbar sicher

          Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Bahn 1,97 Milliarden Reisen verbucht, das war ein neuer Rekord. Millionen und Abermillionen von Kundendaten sammelt sie dabei jedes Jahr - nicht nur für die Statistik. „Wir brauchen die Daten aus Sicherheitsgründen“, sagt Newiger. „Da jeder seine im Internet gebuchte Fahrkarte zu Hause ausdrucken kann, gibt es die Gefahr des Missbrauchs.“ Damit niemand eine Fahrkarte hundertmal drucken und weiterverkaufen könne, werden Name, Adresse, Email-Konto, Zahlungs- und Identifikationsmittel vermerkt. Die Datenschützerin gibt zu, dass „keine Daten immer der beste Datenschutz sind“. Da dies aber nicht immer möglich sei, halte sich die Bahn an den vom Gesetzgeber postulierten Grundsatz der „Datensparsamkeit“.

          Einzelne Reisedaten auf dem Online-Kundenkonto werden zum Beispiel automatisch nach elf Monaten gelöscht, der Kunde kann dies vorher auch selbst erledigen. Bahncard-Daten verschwinden ein Jahr nach Ablauf der Bahncard aus dem System. Die Kunden - mittlerweile gewöhnt, im Internet ständig persönliche Daten preiszugeben - fühlen sich bei der Bahn offenbar sicher: Nur gut eine Handvoll Rückfragen und Beschwerden gehen jeden Monat in Newigers Abteilung Konzerndatenschutz ein.

          Verspricht Vergünstigungen, fordert aber auch Kundendaten: die BahnCard

          Millionen und Abermillionen von Kundendaten aber sind eine Verlockung, nicht nur für das konzerneigene Marketing. Zu gerne würden andere Unternehmen die Bahndatensammlung zu Werbezwecken nutzen. So schürte kürzlich ein Bericht im „Spiegel“ Befürchtungen, die Bahn hege kommerzielle Interessen und verletze dabei den Datenschutz. So wurde kolportiert, der Konzern wolle Daten der Reisenden für Banken, Versicherungen oder Fast-Food-Ketten zugänglich machen. Wenn Kunden den neuen Geschäftsbedingungen nicht zustimmten, wolle das Unternehmen sie aus dem Bonusprogramm für Vielfahrer hinauswerfen. Newiger ärgert sich noch Wochen später über den Bericht. „Die Bahn gibt keine Kundendaten zu Marketingzwecken an Dritte weiter und plant dies auch nicht.“ Die Datenschutzbeauftragten der Länder Berlin und Hessen sprangen der Bahn letztlich bei und sprachen sie von einem Datenschutz-Verstoß frei.

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