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Michael Jackson : Die Tragödie eines Lebens

  • -Aktualisiert am

Michael Jackson, 2009 Bild: AFP

Michael Jackson hat seine Karriere benutzt, um nicht erwachsen zu werden. Unter der Tarnung steckte bis zum Schluss ein schwarzer Unterhaltungskünstler. Im Jahr des Amtsantritts Barack Obamas, der die Rassenfrage wieder aktuell machte, stirbt der Künstler, der mit seiner Hautfarbe am meisten gehadert hat.

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          Am 10. Februar 1993 wurde das erste öffentliche Interview live gesendet, das Michael Jackson seit vierzehn Jahren gegeben hatte. Die Moderatorin Oprah Winfrey fragte ihn auch nach seinem Gemütszustand, der offenbar damals schon Anlass zur Sorge gab: „War das schon von Anfang an so, dass du traurig warst?“ Jackson antwortete: „Einsam, ich war immer traurig. Ich habe immer geweint aus lauter Einsamkeit.“

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir sehen einen Menschen, dessen Leibärzte so berühmt sind wie früher nur bei Königen; einen Menschen, der mit vierunddreißig Jahren schon alles hinter sich hat. Später laufen die beiden über das Gelände der „Neverland“-Ranch, im Hintergrund dreht sich ein Karussell und steht dann still.

          Monroe, Presley, Jackson

          Ist dies das Schicksal amerikanischer Giganten: dass sie, die doch die Welt erobert haben, einsam und verlassen sterben? Auf jene August-Nacht 1962, in der Marilyn Monroe, auf jene August-Nacht 1977, in der Elvis Presley starb, folgt nun, unerwartet, die Juni-Nacht, in der Michael Jackson starb. Aber während man beim zweiundvierzigjährigen Elvis das Gefühl hatte, es habe sich fast schon um einen alten Mann gehandelt, ist es beim fünfzigjährigen Michael Jackson, als wäre ein Kind gestorben.

          Michael Jackson, 2009 Bilderstrecke

          In gewisser Weise ist das so. Nie hat Michael Jackson einen Zweifel daran gelassen, dass er sich zeitlebens wie ein Kind und nur auf der Bühne, die er fünfjährig betrat, wohl und sicher fühlte. Damit lässt sich die Dialektik von Naivität und Professionalität, die der Popkultur generell innewohnt, als etwas begreifen, das bei niemandem so deutlichen Ausdruck fand wie bei ihm.

          Michael Jackson musste anfangs von seinem Vater Joseph buchstäblich auf die Bühne geprügelt werden und verharrte dann dort wie ein verstörtes Kind, das von dem Ort seiner Traumatisierung nicht mehr wegkommt. Wenn wir diese Anfänge ins Auge fassen und nun auch das Ende sehen, können wir den Gedanken nicht unterschlagen, dass dieses Leben sklavische Züge trug. Und doch hat der, der es halb öffentlich, halb streng geheim führte, das Beste daraus gemacht: große, vielleicht unsterbliche Unterhaltungsmusik.

          In einer anderen Umlaufbahn

          In dieser Hinsicht war er kein Pionier, sonst wäre er wohl nicht so erfolgreich gewesen. Einen ursprünglich in schwarzen Gettos beheimateten Stil, Rhythm&Blues, überall hoffähig zu machen war, als er anfing, nicht mehr nötig; und das, was als „Diskomusik“ bezeichnet wurde, gab es schon, als er sich 1979 mit seiner von Quincy Jones betreuten Platte „Off The Wall“ in den Diskohimmel katapultierte, buchstäblich ein Star, der so hell war, dass man sich schon damals hätte fragen müssen, wann er wohl verglühe.

          Heller erstrahlte er nur noch mit „Thriller“, dem erfolgreichsten Album aller Zeiten, das inzwischen angeblich hundert Millionen Mal verkauft wurde und mit dem Jackson endgültig die Umlaufbahn wechselte, hin zu den Wirkungskreisen eines Frank Sinatra und Elvis Presley. Die Bedeutung seiner Musik liegt in der Makellosigkeit, mit der sie arrangiert, produziert und interpretiert wurde. Die Generalstabsmäßigkeit, mit der Michael Jackson seine eher bescheidene Zahl von einem Dutzend Soloplatten einspielte, konnte die unglaubliche Intensität und Perfektion dieses Sängers und Tänzers nicht verdecken.

          Die These von Kunst und Karriere als Mittel, die Kindheit zu verlängern, sie nachzuholen oder sie wenigstens in ihren schmerzlichen Aspekten zu überwinden, greift immer. Was diesen Fall so schillernd und undurchschaubar macht, ist, dass hier wahrscheinlich alles zusammenkommt.

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