https://www.faz.net/-gum-12spe

Michael Jackson : Die Tragödie eines Lebens

  • -Aktualisiert am

„Not races - faces!

Wie zeitgemäß er gerade unter diesem Aspekt ist, wo sportliche Höchstleistungen und die Manipulation des menschlichen Körpers selbst schon normal geworden sind, wurde merkwürdigerweise immer übersehen. Wie ein Hilfeschrei wirkte es, als er zu Anfang der neunziger Jahre, äußerlich schon befremdlich verändert, in seinem großen Song „Black and White“ mit dünner Stimme herausschrie: „Not races - faces!“

Es war, als hörte man noch einmal die fernen Echos rassistischer Unterdrückung, gegen die schon Ray Charles und Nina Simone angesungen hatten. In dieser Hinsicht hatte seine an sich strikt unpolitisch gehaltene, oft aber von einem infantilen Weltverbesserungsdrang beseelte Musik vielleicht nicht weniger Emanzipations- und sogar Utopiepotential als die der großen Soulsänger der fünfziger und sechziger Jahre.

So war Michael Jackson in mehrerer Hinsicht auf der Flucht - vor seiner Kindheit, seiner Hautfarbe und Sexualität. Seine Geheimniskrämerei und Schrulligkeit, zu der praktisch alles erklärt wurde, was er tat und von sich gab, sind vor diesem Hintergrund zweitrangig. Dass er trotzdem das erste und nach wie vor einzige schwarze Idol außerhalb des Jazz wurde, lässt ahnen, mit welcher Anstrengung dieser Weg verbunden gewesen sein mag.

Eine Frage von Leben und Tod

Mochte man beim ewig grinsenden Louis Armstrong noch Witze darüber machen, wie weit ein Schwarzer gehen konnte in der Anpassung an den Massengeschmack - bei Michael Jackson war daraus, unter den Bedingungen absoluter Vermarktbarkeit, eine Frage auf Leben und Tod geworden. Und seltsam: Im Jahr des Amtsantritts Barack Obamas, der die Rassenfrage wieder auf die Tagesordnung brachte, stirbt der Künstler, der mit seiner Hautfarbe am meisten gehadert hat.

Manches spricht dafür, dass die Medikamente, die er, wie die Familie nun andeutet, offenbar in großen Mengen nahm, vor allem der Dämpfung von Versagensängsten dienten, unter denen er seit langem litt - akut vermutlich seit seinem dritten ganz wichtigen Album „Bad“ von 1987, mit dem seine eigentliche Zeit schon vorbei war.

Dass er es der Welt mit fünfzig bereits anberaumten, aber verräterischerweise verschobenen letzten Konzerten in London noch einmal zeigen wollte, mag auf Realitätsverlust hindeuten, zeigt aber auch den wohl übermenschlichen Erwartungsdruck, dem der König der Popmusik schließlich nicht mehr standhielt.

Übermenschlicher Erwartungsdruck

Die beispiellose Demontage eines Stars, die mit dem Päderastenprozess von 2005 ganz unabhängig von dessen Ergebnis vollendet war, besiegelte gleichzeitig das Projekt, das die schwarze Musik einst gewesen war. Auch wenn er längst anders aussah - nicht mehr wie ein Schwarzer, nicht mehr wie ein Mann, ja, manchmal nicht einmal mehr wie ein Mensch -, niemand hätte bestreiten dürfen, dass unter der Tarnung, bei der Jackson seine Zuflucht suchte, immer noch ein schwarzer Unterhaltungskünstler steckte.

Über ihn sagte vor einigen Jahren der Vater Joseph im deutschen Fernsehen, ohne den mindesten Verratsvorwurf in der Stimme, den ergreifend schlichten, humanen Satz: „Jeder Mensch hat doch das Bedürfnis, schön auszusehen.“

Sollte dies tatsächlich sein Ziel gewesen sein, so muss man sagen, dass er es vielleicht bloß deshalb verfehlt hat, weil er einst, als er noch das Maß aller Dinge war, danach zu suchen begann.

Weitere Themen

Topmeldungen

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Die Demographie-Falle beim Klimawandel

11 Milliarden Menschen könnten bis zum Ende des Jahrhunderts auf dem Planeten leben. Fürs Klima ist das fatal – doch gerade für Industrieländer zeigt die Demographie einen ungeahnten Hoffnungsschimmer.
Verabschiedung der Fregatte „Bayern“ am 2. August in Wilhelmshaven

Indopazifik-Reise : Fregatte Bayern ankert in Perth

Kurz nach der Verkündung eines neuen Sicherheitspakts im Indopazifik zeigt auch Deutschland in der Region Flagge gegenüber China.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.