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Mercedes-Benz-Museum : Das sagenhafte Taxi des Gregorios Sachinidis

  • -Aktualisiert am

Ein letztes Mal hinter dem gewohnten Steuer: Grieche Sachindis Bild: dpa/dpaweb

Das Taxi von Gregorios Sachinidis mußte unbedingt ein Mercedes 240D sein. Die richtige Entscheidung: 4,6 Millionen Kilometer hielt das Auto durch. Jetzt bekommt es einen Alterssitz im Mercedes-Benz-Museum.

          Gregorios Sachinidis hat ein Taxi. Ein neues Taxi, einen hübschen Peugeot. Das ist schön für ihn. Darüber wäre aber kaum noch ein Wort zu verlieren, hätte sich Sachinidis nicht geradezu entschuldigt für den Kauf des hübschen Peugeot, und zwar bei Professor Jürgen Hubbert, Vorstandsmitglied bei Daimler Chrysler und dort noch bis Ende des Monats verantwortlich für alle Personenwagen der Marke Mercedes-Benz.

          Das kam so: Vor dem hübschen Peugeot fuhr Gregorios Sachinidis, 59 Jahre alt, wohnhaft zu Saloniki in Griechenland, einen Mercedes-Benz 240D. Auch das wäre noch kein Grund, sich für den hübschen Peugeot zu entschuldigen. Aber mit diesem einen Mercedes-Benz 240D ist Sachinidis vom Mai 1981 bis zum Dezember 2003 nach seinen eigenen glaubenswerten Angaben nicht weniger als 4.600.000 Kilometer gefahren, also etwa hundertfünfzehnmal rund um die Erde oder - wenn das Auto mit dem Stern denn All-Antrieb gehabt hätte - sechsmal zum Mond und zurück.

          Vor den Olympischen Spiele ausgemustert

          Daß Sachinidis den langlebigen Kilometerfresser im vergangenen Jahr ausmusterte, geht nicht etwa auf Altersschwächen des göttersagenhaften Unkaputtbaren zurück. Vielmehr standen die Olympischen Spiele in Griechenland bevor, und die Regierung in Athen wollte, daß die Luft rein werde für die Gäste aus aller Welt. Alte Taxis waren auszumustern. "Für ein neues gab es bis zu viereinhalbtausend Euro Zuschuß", sagt Sachinidis. "Ich habe aber 2001 ein Haus bei Saloniki gekauft. Da war ein Mercedes trotzdem einfach zu teuer."

          Als Gastarbeiter in Deutschland verguckte sich Sachindis in das Auto

          In den vergangenen Tagen hatte er von morgens früh bis abends spät Journalisten am Handy, denen er seinen Lebenslauf mit dem Mercedes Diesel schilderte, wenn man denn in seinem Fall nicht besser von "Lebensfahrt" sprechen sollte. Am Freitag schließlich setzte er sich mit seiner Frau ins Flugzeug und trat die Reise nach Stuttgart an. Am Nachmittag sah er seinen alten Liebling wieder - als prunkvolles Ausstellungsstück im Mercedes-Benz-Museum in Untertürkkeim.

          Gastarbeiter in Deutschland mit 18 Jahren

          Da steht er nun mit anderen Legenden, dem "Blitzen-Benz" etwa, mit dem Bob Burman 1911 in Daytona Beach den unglaublichen Weltrekord von 228 Kilometern in der Stunde fuhr, mit den Silberpfeilen, dem 300 SL Coupe (Flügeltüren!) und dem 260D, dem ersten Serien-Diesel-Personenwagen der Welt. "Die Mercedes-Leute haben kein Auto meines Typs gefunden, das älter war", sagt Sachinidis. "In Israel soll ein Taxifahrer mit einem 240D eineinhalb Millionen Kilometer geschafft haben, und in Kairo gab es wohl einen Wagen mit 2,1 Millionen Kilometern auf dem Tacho."

          Der Grieche kam 1963 mit achtzehn Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland und war, mit einem Jahr Wehrdienstunterbrechung, bis 1978 in Rothenburg tätig, bei verschiedenen Unternehmen. Beim letzten Arbeitgeber, der mit Autos zu tun hatte, lernte er in den siebziger Jahren soviel dazu, daß er sich danach einen Mechaniker nennen durfte, zwar nicht mit Brief und Siegel, aber mit Fug und Recht.

          Der Grieche wußte genau, was er wollte

          Wieder in der Heimat, fuhr er Taxi, bis heute. "1981 gab es in Griechenland endlich ein Gesetz, das Taxifahrern Dieselfahrzeuge erlaubte. Vorher war das verboten." Sachinidis wußte genau, was er wollte. Er wollte einen Mercedes-Benz 240D, den er schon in Deutschland bewundert hatte, und zwar einen aus der W-115-Serie, volkstümlich "Strich-Achter" genannt. Einer seiner Brüder, der siebzehn Jahre bei Mercedes gearbeitet hat, sprang ihm damals bei und suchte Deutschland zwei Monate lang von der Nordsee bis zu den Alpen nach dem Sehnsuchtsfahrzeug ab.

          In Waiblingen bei Stuttgart wurde er fündig, mit einem Wagen des Baujahrs 1976. Sachinidis: "Für sechstausend Mark habe ich ihn gekauft. Ich war der vierte Besitzer nach zwei Deutschen und einem Jugoslawen. Der Wagen hatte damals etwa 220.000 Kilometer drauf." Das ist aber auch nicht so wichtig bei einem Auto, das damals noch mehr als vier Millionen Kilometer vor sich hatte.

          „Sie war so beeindruckt, daß sie mich geheiratet hat“

          Im Jahr 1983 wurde Sachinidis Ehemann, und er ist selbstironisch genug, den Anteil seines 240D an der erfolgreichen Brautwerbung herauszustellen: "Sie war so beeindruckt, daß sie mich geheiratet hat." Mit seiner Frau zusammen hat er in den vergangenen zwei Wochen die Geschichte seines Autos aufgeschrieben. In und um Saloniki hat er deutsche Touristen gefahren, Politiker, Schauspielerinnen und populäre Sänger.

          An eine Begegnung erinnert er sich noch genau. Den Mann, den er 1986 zum Fußballspiel einer Weltauswahl vom Flughafen in Saloniki abholte, hatte er zwölf Jahre früher im Münchner Olympiastadion das Tor der Tore schießen sehen, das deutsche 2:1 gegen die Niederlande im Endspiel um den Weltmeistertitel. "Ich war so stolz, als ich Gerd Müller mit Handschlag begrüßen durfte."

          Das Auto war Teil seines Lebens

          Hunderttausende Kilometer fügte er dem Tacho in den neunziger Jahren hinzu, als er während der Balkankrise fast vierhundert Rotkreuz-Medikamententransporte nach Belgrad begleitete. Achtzig Fahrten nach Bulgarien kann er vorweisen, neun in die Türkei, vier nach Berlin, wo sein jüngster Bruder ein Speditionsunternehmen hat. Drei in die Stuttgarter Gegend zu einem Reiseunternehmen, dessen deutsche Griechenlandkunden er von Saloniki zu ihrem Club auf der Halbinsel Chalkidike fährt.

          Ja, das Auto war Teil seines Lebens, es ist ihm ans Herz gewachsen. Als er es stillegen mußte, schrieb er einen Brief an den Mercedes-Chef Hubbert und nannte die magische Zahl 4.600.000. Die Stuttgarter fragten ihn, was er dafür haben wolle. Er hat ihnen den Wagen geschenkt. Einen glanzvolleren Alterssitz als das Museum hätte er nicht finden können für seinen geliebten 240D. Am Freitag nachmittag dann noch eine Überraschung: Sachinidis erhielt von Alexander Paufler, dem Präsidenten von Daimler Chrysler Hellas, den Schlüssel für einen neuen C200 CDI. Nach seiner Rückkehr kann er den Wagen in Saloniki übernehmen.

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