https://www.faz.net/-gum-7pt0x

Zweiter Weltkrieg : Die letzten Zeitzeugen

Norbert Kittel erzählt von Kriegseinsätzen und Kriegsgefangenschaft. Bild: Kaufhold, Marcus

Vor 70 Jahren endete Norbert Kittels Jugend: Im eingekesselten Breslau musste er mit Klassenkameraden an die Flugabwehrkanonen. Doch statt des Endsiegs kamen die Russen. Seine Botschaft ist eindringlich.

          Irgendwann in seinem zweiten Leben hat Norbert Kittel sich gedacht, dass sein erstes Leben nicht ganz in Vergessenheit geraten sollte. Das zweite Leben begann mit der Heimkehr. Im ersten Leben war Kittel Soldat. Und fast noch ein Kind.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Norbert Kittel, 86 Jahre alt, sitzt im dunkel getäfelten Restaurant eines Hotels bei Worms. Hier veranstaltet er das vielleicht letzte Klassentreffen mit den Kameraden, die von 1939 an im schlesischen Breslau mit ihm das Elisabeth-Gymnasium besuchten und die mit ihm vor 70 Jahren, im Januar 1944, eingezogen wurden. Als Luftwaffenhelfer an der Fliegerabwehr-Kanone. In seiner Begrüßungsrede sagte der Bataillonskommandeur den 15 Jahre alten Jungen, sie könnten stolz sein, einen Beitrag zum Endsieg zu leisten.

          Vieles ist in der Erinnerung verschwommen

          Statt des Endsiegs kamen die Russen, der Häuserkampf, die Kriegsgefangenschaft. Manches weiß Kittel noch genau. Etwa wie die Suppe aussah, die sie von den Russen im Lager vorgesetzt bekamen: klar wie Wasser, mit drei einsamen Erbsen darin. Vieles aber ist in der Erinnerung verschwommen. „Vorbei“, sagt Kittel nur, wenn er danach gefragt wird.

          Norbert Kittel (ganz rechts) mit alten Klassenkameraden

          Es geht ihm nicht darum, an den Krieg zu erinnern. Sondern eher daran, wie seine Kameraden und er es trotz allem geschafft haben. Als sie aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, hatten sie alles verloren. Die Elternhäuser waren weg, die Heimat auch. Breslau war polnisch, die Familie vertrieben worden. „Wie haben wir es geschafft aus dem Nichts?“ Er antwortet selbst: „Ärmel hochgekrempelt, nicht gejammert und etwas bewegt.“

          Nicht jammern: Das galt auch vor den Kindern und Enkeln. Denen hat Kittel kaum etwas erzählt vom Krieg. „Vielleicht war das ein Fehler“, sagt er heute. Doch er befürchtete immer, die jungen Menschen hätten ihre eigenen Sorgen und könnten das alles gar nicht nachempfinden. Krieg, Flucht, Gefangenschaft – was bedeutet das denn heute noch?

          Trockenes Brot und wenig Wasser zur Stärkung

          Norbert Kittel und seine Klassenkameraden waren im Frühjahr 1945 eingeschlossen in Breslau, das Hitler zur „Festung“ erklärte. Zwischen zerbombten Häusern sahen sie die Feinde, mussten auf sie schießen statt wie zuvor in den Himmel. Von den Russen angeführt, marschierten sie nach der Kapitulation aus Breslau heraus, tagelang. Zur Stärkung gab es nur trockenes Brot und wenig Wasser. Viele überlebten nicht.

          Erinnerungsstücke: Zeitzeuge Norbert Kittel zeigt Fotos aus der Zeit vor dem Krieg

          Danach kauerten sie acht Wochen lang zu Hunderten in Viehwaggons, erst schwitzend und durstig, dann frierend, als auf dem Weg in die Gefangenschaft der erste Schnee fiel. Im Lager erwartete sie eine trockene Kälte, minus 50 Grad. Dort mussten sie arbeiten: im Wald, an Häusern, an der Kanalisation, an Ölleitungen. Drei Jahre lang. Jeden Tag.

          Manchmal kann er es selbst gar nicht mehr nachempfinden: „Wenn ich heute daran denke, frage ich mich: Wie habe ich das Ganze überstanden? Womit habe ich mir die Zähne geputzt? Es gab ja nichts.“

          „Ich hege keinen Groll den Russen oder den Polen gegenüber“

          Norbert Kittel schüttelt den Kopf. Faltet die mit Altersflecken übersäten Hände auf dem Tisch. „Vorbei.“ Und: „Ich hege keinen Groll den Russen oder den Polen gegenüber.“ Von den Vertriebenenverbänden habe er sich immer ferngehalten.

          Auch bei den Klassentreffen gehe es nicht darum, an Verlorenem festzuhalten. Die alten Menschen wollen vielmehr im Hier und Jetzt leben. Ihrer Geschichte haben sie nie zu viel Macht über die Gegenwart gegeben: „Es war keiner von uns auf der Couch“, sagt Kittel. „Heute überfahren Sie eine Katze und kommen da hin.“

          Weitere Themen

          „Ich träumte von der NBA“

          FAZ Plus Artikel: Denk ich an Sport (5) : „Ich träumte von der NBA“

          Volker Bouffier ist seit 2010 Hessens Ministerpräsident. Hier schreibt der Politiker über seine Zeit als Boxer und Basketballer in der Bundesliga, den Wert von Idolen und den Kampf für das Gute im Sport – gegen Diktatoren und Doper.

          Topmeldungen

          „Mensch Merkel“ im ZDF : Die rätselhafte Kanzlerin

          Verzicht auf Antworten, wo man keine geben kann: Anlässlich des 65. Geburtstages zeigt das ZDF ein Porträt über Angela Merkel: „Mensch Merkel! – Widersprüche einer Kanzlerin“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.