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Zweifacher Doktor macht Abitur : „Ich bin kein Prüfungs-Junkie!“

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Das Leben ist ihm eine Prüfung: Eckhard Roth, hier in seiner Praxis in Düsseldorf, will möglichst viele bestehen Bild: Edgar Schoepal

Augenarzt Dr. Dr. Eckhard H. Roth aus Düsseldorf hat noch einmal Abitur gemacht - und deswegen Ärger mit den Behörden bekommen. Im Interview spricht er über lebenslanges Lernen und neue Herausforderungen.

          5 Min.

          Herr Dr. Dr. Roth, Sie sind Diplom-Mathematiker, Diplom-Physiker, Augenoptiker-Meister, wurden in Medizin und Physik promoviert und führen seit vielen Jahren in Düsseldorf eine eigene Praxis für Augenheilkunde. Und trotzdem haben Sie jetzt noch mal Abitur gemacht. Ist das nicht ein bisschen viel lebenslanges Lernen?

          Die Sache ist aus einer Stammtisch-Laune heraus entstanden. Im Sommer vor einem Jahr saß ich mit fünf meiner Schulfreunde in der Kneipe „Die Blende“ in Düsseldorf zusammen, mit denen ich 1976 am Geschwister-Scholl-Gymnasium die Hochschulreife erworben hatte. Die Vorläuferin dieser Schule hat übrigens vor 100 Jahren Heinrich Spoerl besucht, der Autor der „Feuerzangenbowle“.

          Und dann kam Ihr Freundeskreis darauf, Sie als moderne Version des Johannes Pfeiffer noch mal auf die „Penne“ zu schicken?

          Nicht ganz. Es ging über einen Umweg. Wir sprachen darüber, dass in Deutschland fast alles lebenslang vergeben wird: Führerschein, Facharztprüfung. Irgendwann landeten wir beim doch ziemlich prestigeumwitterten Abitur. Und dann sagte mein Freund Rüdiger, der Lehrer geworden ist: Wenn wir für dich die Prüfungsfächer aussuchen, würdest du es heute bestimmt nicht mehr schaffen. Da habe ich natürlich sofort dagegen gewettet.

          Es war also der Lehrer-Freund, der dem Naturwissenschaftler Eckhard Roth einen geisteswissenschaftlichen Kanon zusammengestellt hat?

          Genau. Und zwar noch direkt am Kneipentisch! Als Leistungskurse Deutsch und Philosophie. Mündlich sollte ich mich in Geschichte, evangelischer Religion, Latein und als kleines Eingeständnis in Biologie examinieren lassen. Eines der beiden schriftlichen Grundkursfächer musste laut Prüfungsordnung dann Mathematik sein, worüber ich natürlich sehr froh war. Als zweites schriftliches Grundkurs-Prüfungsfach wies mir Rüdiger Französisch zu. Das war wirklich richtig fies. Französisch habe ich nämlich nie gehabt.

          Welche Schule macht denn so eine Aktion Abi 2.0 mit?

          Es war einfacher, als ich dachte. Ich musste mich bei der Bezirksregierung Düsseldorf bewerben. Allerdings mit einem frisierten Lebenslauf. Ich gab an, meine Eltern seien mit mir einst nach Singapur ausgewandert. Dort sei ich von Privatlehrern unterrichtet worden. Später schlug ich mich angeblich als Schiffskoch auf den Weltmeeren herum. Ich bin ja recht kräftig, da wirkt das glaubwürdig. Ich legte dann noch meine Geburtsurkunde bei. Meinen Ausweis mit dem Doppeldoktor wollte nie jemand sehen. Als Anschrift nutzte ich die Adresse einer Freundin in Oberhausen, wo ich zur Sicherheit einen Zweitwohnsitz angemeldet hatte. Ich bekam dann das staatliche Niederrhein-Kolleg in Oberhausen zugewiesen.

          Wie lange haben Sie dort die Schulbank gedrückt?

          Keine Minute. Ich habe das als „externer Autodidakt“ erledigt. Rund 150 Stunden lang habe ich mich nach der Sprechstunde in meiner Praxis vorbereitet. Ich habe mich in allen Fächern mit den vorgeschriebenen Textsammlungen beschäftigt. Für Deutsch habe ich unter anderem Thomas Manns „Buddenbrooks“, Wolfgang Koeppens „Die Tauben im Gras“ und Sekundärliteratur gelesen, um die Werke miteinander vergleichen zu können. Für Latein habe ich mich eingehend mit Seneca beschäftigt. Französisch lag mir natürlich im Magen, da ging es um Chansons. Ich habe mir im Wesentlichen Filme mit Untertiteln angeschaut. Man entwickelt da schon ein Sprachgefühl.

          Welche Note haben Sie in Französisch bekommen?

          Naja, es war dann doch mein schlechtestes Fach. Eine Fünf plus. Dafür habe ich in Mathe ohne größere Vorbereitung eine Zwei geschafft. Das wurmt mich als Mathematiker ein bisschen, zeigt aber auch, dass es beim Abi nicht nur um Fachwissen, sondern um eine Lernroutine geht. Wenn Sie bestimmte Aufgabentypen pauken, sind Sie einfach im Vorteil. Jedenfalls habe ich auch in den anderen Fächern ganz ordentlich abgeschnitten. Die Gesamtnote ist eine 3,0.

          Das ist aber für jemanden, der schon so viele Prüfungen wie Sie bestanden hat, nicht wirklich berauschend. Medizin könnten Sie mit ihrem Zweit-Abi nicht studieren.

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