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Zum Tod von Alice Herz-Sommer : Mit Musik im KZ überlebt

Bild: reuters

Sie spielte für die Wachmannschaft und die Lagerinsassen - und blieb am Leben. Alice Herz-Sommer, die jetzt im Alter von 110 Jahren gestorben ist, gilt als älteste Holocaust-Überlebende.

          2 Min.

          Musik rettete Alice Herz-Sommer das Leben. 1943 wurde die Pianistin aus Prag zusammen mit ihrem Sohn ins Lager Theresienstadt geschickt. Dort musizierte sie weiter, für die Wachmannschaft und die Lagerinsassen. „Musik war unsere Nahrung. Durch das Musizieren sind wir am Leben geblieben“, erinnerte sie sich später. Alice Herz-Sommer, die am Sonntag im Alter von 110Jahren in London gestorben ist, galt als die älteste Holocaust-Überlebende. Ein Dokumentarfilm über ihr Leben ist am Sonntag in Hollywood für einen Oscar nominiert.

          Alice Herz-Sommer im Juli 2010
          Alice Herz-Sommer im Juli 2010 : Bild: AP
          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In Theresienstadt trat ihr sechs Jahre alter Sohn in der Kinderoper „Brundibar“ auf, die einer Delegation des Roten Kreuzes zeigen sollte, wie gut es den Häftlingen ging. „Ich war glücklich darüber, weil ich wusste, wie glücklich mein kleiner Junge dabei war.“ Sie habe im Lager das Lachen nicht verlernt, obwohl von dort ihre Mutter nach Treblinka und später auch ihr Ehemann nach Auschwitz gebracht wurden: Der Geiger überlebte das Vernichtungslager, starb aber im Konzentrationslager Dachau entkräftet an Typhus.

          Spaziergänge mit Franz Kafka

          In der Nacht vor seinem Abtransport musste Alice Herz-Sommer ihm versprechen, ihm nicht zu folgen: Das bewahrte sie und ihren Sohn vor dem sicheren Tod. Denn den Ehefrauen war angeboten worden, freiwillig ihren Männern hinterherzufahren – sie wurden alle ermordet. Ihr Sohn Raphael aber gehörte zu den 130 Kindern, die Theresienstadt lebend verließen. Später machte er sich als Cello-Solist einen Namen.

          Ein Dokumentarfilm über ihre Leben ist für einen Oscar nominiert
          Ein Dokumentarfilm über ihre Leben ist für einen Oscar nominiert : Bild: dpa

          Aus dem Lager kehrten sie 1945 zunächst in ihre Heimatstadt Prag zurück. In ihrem großbürgerlichen Elternhaus verkehrten dort in ihrer Kindheit Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, und der Schriftsteller Franz Kafka, mit dem sie spazieren ging. Ihre Eltern waren mit den Eltern des österreichischen Komponisten Gustav Mahler befreundet. Das 1903 geborene Mädchen lernte Klavier und spielte später bei den tschechischen Philharmonikern. 1947 zog sie mit ihrem Sohn nach Israel, wo sie als Klavierlehrerin half, die Jerusalemer Akademie aufzubauen. In der Stadt verfolgte sie den Prozess gegen Adolf Eichmann vor Gericht mit.

          Bis zuletzt täglich am Klavier

          Im Jahr 1986 zog Alice Herz-Sommer ihrem Sohn nach London hinterher. Sie hörte auch dort nicht auf zu musizieren. Selbst als ihre Zeigefinger steif wurden, lernte sie, mit acht Fingern weiterzuspielen. Bis zuletzt setzte sie sich täglich ans Klavier ihrer kleinen Einzimmerwohnung, wo sie vor ihren Gästen schwärmte, wie schön doch das Leben sei. „Man muss der Menschheit alle Sünden verzeihen, wenn ein Beethoven herauskam. Und er hat recht“, sagte sie in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Das habe der Schriftsteller Franz Werfel in einem seiner Romane geschrieben; den Autor hatte sie selbst noch in Prag kennengelernt.

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