https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/zum-muttertag-tipps-einer-alleinerziehenden-15586546.html

Alleinerziehende Mutter : „Es hat mich manchmal schier zerrissen“

  • Aktualisiert am

Oft sprang ich heulend ins Wasser

Zugleich wurde mir durch diesen Klinikaufenthalt und die Krebserkrankung einer Bekannten auf einen Schlag klar, wie gut es uns geht. Ich wurde dankbar: Wir sind gesund. Haben uns und haben uns lieb. Mir wurde darüber auch sehr schnell bewusst, dass ich nur dann für meine Kinder gut da sein kann, wenn es mir selbst gutgeht. Dass ich als Alleinernährer unserer Familie auch gut für mich sorgen muss.

So wurde aus meinen existentiellen Ängsten meine ganz persönliche Selbstfürsorge. Obwohl es anfangs schwierig war, fing ich an, mir mehr Zeit für bewussten Ausgleich zu nehmen. Ich ging schwimmen. Oft sprang ich heulend ins Wasser, so fertig war ich. So verzweifelt über meine Probleme. Aber nach dem Schwimmen ging es mir immer wieder gut.

Schon im Becken fühlte ich mich leicht. Da entdeckte ich, wie gut mir Bewegung tut und wie wichtig der Ausgleich für mich ist. Statt mit dem Auto brachte ich meine Tochter zu Fuß in den Kindergarten. Daraus entstand Sportzeit für mich – und Quality-Time mit meiner Tochter. Das haben wir bis heute beibehalten: Jetzt begleite ich meine große Tochter in die Schule und laufe danach noch eine Runde im Park.

Gezielt andere Single Moms gesucht

Meine Tochter genießt unsere gemeinsame Zeit morgens sehr – und ich auch. Fast jeden Morgen mache ich ein Glücksfoto: ein Schnappschuss von einem kleinen Glücksmoment. Das habe ich damals, als es mir so schlecht ging, begonnen: Glücksmomente zu sammeln. Da kommt einiges zusammen, wenn man erst mal anfängt.

Was mir auch geholfen hat, aus meiner schweren Zeit rauszukommen: Ich mache jeden Morgen ein kleines Morgenritual. So beginne ich den Tag ganz bewusst mit Zeit für mich – auch wenn es nur drei bis vier Minuten sind. Die gehören mir. Damit stimme ich mich auf den Tag ein – und tanke meine Akkus auf.

Um mich über meine Themen austauschen zu können, habe ich mir ganz gezielt andere Single Moms gesucht. Daraus sind zwei richtig tolle Freundschaften entstanden: Wir helfen uns, sind füreinander da und verstehen, wovon die andere spricht. Was uns grade wütend und manchmal auch hilflos macht. Wir wissen aber auch, dass es uns im Vergleich zu vielen anderen Alleinerziehenden richtig gutgeht.

„Stark und alleinerziehend“

Das habe ich dank des „Stark und alleinerziehend“-Netzwerks von Alexandra Widmer verstanden. Sie unterstützte Single Moms dabei, raus aus dem Leid, rein ins Tun zu kommen.

Leben heißt aussuchen: das heißt auch, dass ich mir aussuche, worauf ich mich fokussiere. Das mache ich nicht nur im Job, sondern auch mit meinen Kindern. Jeden Abend erzählen wir uns, was uns heute glücklich gemacht hat. Was uns gutgetan hat.

Was uns gut gelungen ist. Auch meiner Mutter verdanke ich sehr viel: Sie war immer für uns da und kommt auch jetzt noch angereist, wenn ich mal wegen eines Trainings über Nacht weg bin.

„Da gab es bestimmt Probleme“

Was ich nach wie vor befremdend finde: In der Schule gibt es oft noch so einen Fingerzeig: „Schau mal, die haben sich getrennt, da gab es bestimmt Probleme.“ Als gäbe es die in den glücklichen oder vermeintlich glücklichen Ehen nicht. Die Frage ist bloß, wie man mit den Problemen umgeht. Ich finde es nach wie vor besser, sich – nachdem man alles versucht hat – zu trennen, als unglücklich nebeneinanderher zu leben.

Eine meiner Single Mom-Freundinnen, eine sehr erfolgreiche Führungskraft, erzählt deshalb in ihrem Unternehmen lieber nicht, dass sie alleinerziehend ist, um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden.

Auch das hat eine Weile gedauert: mich nicht mehr über die vielen Ungerechtigkeiten für Alleinerziehende aufzuregen. Egal, ob über das Steuersystem oder abfällige Bemerkungen: Da gibt es viel, was nicht fair ist. Mittlerweile habe ich eine Gelassenheit entwickelt, nach dem Motto: Ich ändere, was ich ändern kann. Und atme tief aus, wo ich nichts ändern kann. Das tut mir gut. Und auch meinen Kindern.

Aufgezeichnet von Anke Schipp.

Stefanie Bathe ist ganzheitlicher Business Coach und berät Firmen und Einzelpersonen: www.maincoach.de

Weitere Themen

„Ich bin ein Bücherwurm“

Ben Affleck im Interview : „Ich bin ein Bücherwurm“

Hollywoodstar Ben Affleck spielt auch gerne Nebenrollen, wie im neuen Film „The Tender Bar“, bei dem George Clooney Regie führte. Im Interview verrät er, wer seine Vorbilder sind – und was für Bücher er mit seiner Tochter liest.

Topmeldungen

„Der Kunde ist König“ gilt schon lange nicht mehr. Dienstleister wollen oft sogar eher abschrecken.

Marktwirtschaft : Warum der Kunde nicht mehr König ist

Immer mehr Dienstleister konzentrieren ihre Kreativität darauf, mögliche Abnehmer zu vergraulen. Sie haben dafür gute Gründe, denn nicht nur die Pandemie verändert die Situation. Gerade der Personalmangel macht ihnen zu schaffen.