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Gloria von Thurn und Taxis : Konservativ, aber unberechenbar

  • -Aktualisiert am

Unser Autor mit seiner Schwester Gloria im Jahr 2007 in Berlin. Bild: AGENCY PEOPLE IMAGE

Sie war eine Ikone der 80er Jahre. Die Zukunft von Gloria von Thurn und Taxis sieht ihr Bruder jedoch beim Kabarett. Zu ihrem 60. Geburtstag hat er sich an einem Geburtstagsgruß versucht.

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          Der Versuch, über meine eigene Schwester zu schreiben, ist mir einmal schon derart missglückt, dass ich mir eigentlich geschworen hatte, künftig strikt Abstinenz zu wahren. Ich war damals Chefredakteur einer neu zu lancierenden bunten Zeitschrift, und um mit der ersten Ausgabe Aufmerksamkeit zu erheischen, lautete der Entschluss, den Markt mit einem ehrlichen Porträt „Meine Schwester Gloria“ zu überraschen.

          Eine schlechte Entscheidung. Zwar entstand ein sehr schönes Coverfoto, aufgenommen von Lord Snowden, Gloria aber sprach nach der Lektüre meines Artikels fast ein Jahr nicht mehr mit mir. Ich hatte zum Beispiel preisgegeben, dass sie unter einem leichten Putzfimmel leidet und, wenn sie mich in Berlin besuchen kommt, gerne zum Feuchttuch oder Staubwedel greift, um in meiner Wohnung für Ordnung zu sorgen. Sie nahm mir das übel.

          Für diese Zeitung, die meine Schwester täglich liest, mache ich nun ein letztes Mal eine Ausnahme. Aber was kann ich schreiben, ohne Gefahr zu laufen, dass sie mich (als ältere Schwester verfügt sie über gehörige Autorität) in die Folter-Katakomben von St. Emmeram einbestellt?

          Unverfänglich ist es, wenn ich ein paar Worte über ihre popkulturelle Bedeutung verliere. Als sie erstmals Aufmerksamkeit erregte, es war Mitte der achtziger Jahre, gab es noch keine nachmittäglichen Promisendungen, die uns mit Nachrichten aus der Halbwelt der Möchtegern-Stars versorgen. Wer zur High Society gehörte, feierte ausgiebig, aber unbeobachtet. Ein Mitglied der auf Diskretion bedachten Hautevolée, das sich laut und scheinbar ohne Zurückhaltung auf die öffentliche Bühne begab, mit wild gestylten Haaren und in avantgardistischer Mode, war ein Novum. Eine Fürstin, die im Franco-Moschino-Kleid, mit Punk-Frisur und verwegenem Make-up neben dem verdutzten Johannes Rau bei „Wetten, dass..?“ auftrat und vor einem Millionenpublikum unaufgefordert zu tanzen begann, war ein wandelndes Paradox.

          Gloria Fürstin von Thurn und Taxis 1986 mit Punkfrisur in einem TV-Studio Hamburg. (Archiv)
          Gloria Fürstin von Thurn und Taxis 1986 mit Punkfrisur in einem TV-Studio Hamburg. (Archiv) : Bild: dpa

          Kapriziös, aber mit feinstem Comedy-Potential

          Gloria ist einer der letzten wirklich freien Menschen, die ich kenne. Sie geht zwar ohne jede Scheu in die Öffentlichkeit, hat aber nichts zu verkaufen, will nicht gewählt werden, muss nicht auf ihr Image achten und kann somit tun und sagen, was sie will.

          Da Gloria verstanden hat, dass man wirklich Ernstes eigentlich nur im humoristischen Kontext sagen kann, muss sich die deutsche Öffentlichkeit übrigens darauf gefasst machen, sie künftig als Kabarettistin zu erleben. Als ein „Bild“-Kollege mich neulich bat, ein Interview anlässlich ihres 60. Geburtstags zu vermitteln, sagte sie zu – empfing Interviewer und Kamerateam zu deren Überraschung aber als Putzfrau verkleidet, die wischend und putzend durch die Flure von St. Emmeram führt und ihnen nicht als Fürstin, sondern als Raumpflegerin Rosa Auskunft über das Leben im Schloss gibt. Das Alter Ego, das sie sich gewählt hat, ist aus eingangs erwähnten Gründen naheliegend und bietet – so viel darf ich schon verraten – feinstes Comedy-Potential.

          Vielleicht ist das überhaupt der entscheidende Faktor für die Faszination, die meine Schwester hervorruft: Sie entzieht sich jeder Berechenbarkeit. Das war schon immer so. Einerseits sieht man sie zu Recht als konservativ und traditionalistisch, andererseits suchte sie immer die Nähe von Figuren wie Nina Hagen oder Volker Schlöndorff oder auch von Künstlern wie Jean-Michel Basquiat, Robert Mapplethorpe oder Keith Haring, die äußerst unkonventionelle Lebensentwürfe pflegten.

          Was sie sich zum Geburtstag wünscht? Kurioserweise Bäume. Stürme und Borkenkäfer haben im T&T-Wald gewütet; sie wünscht sich, dass man sich zu ihrem Geburtstag an der Aufforstung beteiligt. Man erhält, wenn man ihr einen Baum schenkt, eine entsprechende Urkunde. Sie ist, bei aller Skepsis für den Klima-Absolutismus, nämlich Naturfreundin und sehr viel grüner als so manche großstädtische Bioladenkunden.

          Der Ort, an dem sie sich am wohlsten fühlt, liegt in Ostafrika. Das hat wohl damit zu tun, dass sie mit Somalia, wo ich geboren wurde (unser Vater arbeitete dort in der Entwicklungshilfe), ihre schönsten Kindheitserinnerungen verbindet. Seit vielen Jahren gehört ihr in Kenia, unweit von Malindi, ein Haus. Sie benötigt 20 Sekunden, um von ihrer Terrasse zum Indischen Ozean zu gelangen, um dort, wenn der Wind gut ist, zu surfen. Bei Windstille liest sie sich durch Berge von Büchern. Das ist auch der Ort, an dem sie am Sonntag dem Trubel ihres Geburtstags entgeht. Gloria wird diese Zeilen auf dem iPad auf der Terrasse ihres Hauses lesen – eine Geburtstagsüberraschung. Hoffentlich geht sie nicht wieder gründlich schief.

          Alexander von Schönburg, ehemaliger Redakteur dieser Zeitung, ist Bestsellerautor, Mitglied der Chefredaktion von „Bild“ und der jüngere Bruder der Jubilarin.

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