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Zu Fuß in den Iran : Auf eigenen Wegen

  • -Aktualisiert am

Vielleicht sind 30 Jahre auch einfach zu lang, um in ein Flugzeug zu steigen, als sei nichts gewesen: Shahin Tivay Sadatolhosseini auf dem Weg von Tiflis zur Grenze nach Aserbaidschan. Bild: Christoph Borgans

Was bewegte einen Iraner, 5000 Kilometer von Aachen nach Teheran zu reisen, zu Fuß, ein Rhönrad vor sich herrollend?

          8 Min.

          Sieht man Shahin Tivay Sadatolhosseini an, seine zur Seite gezwirbelten grauen, krausen Koteletten und seine bunten Klamotten, muss man an Krusty, den Clown aus den „Simpsons“, denken. Aber wenn man sieht, was Sadatolhosseini den ganze Tag über tut, denkt man eher an Sisyphos.

          Denn Sadatolhosseini verbringt derzeit die meisten seiner Tage damit, ein zwei Meter hohes und 100 Kilogramm schweres Stahlrad vor sich herzurollen. Ein kräftiger Schubs, das Rad rollt etwa sieben Meter, Sadatolhosseini schreitet hinterher, dann wieder ein kräftiger Schubs.

          „Deutsch, English, Farsi.“ Nein? Dann Zeichensprache: Woher? Wohin?

          So geht das seit etwa 5000 Kilometern. Seit Sadatolhosseini im Dezember 2015 Aachen verlassen hat, um nach Iran zu wandern. Aachen ist seine Heimat gewesen die letzten 30 Jahre, Teheran die Heimat seiner Kindheit. Er sei ein „Öcher Perser“, sagt Sadatolhosseini, ganz so, wie man es im dortigen Dialekt sagen würde – ein Aachner Perser.

          In Georgien nun geht gerade ein sonnenreicher Tag zu Ende, als der Öcher Perser und sein Rad in die Stadt Gardabani rollen. Vor zwei Tagen ist er in Tiflis, der Hauptstadt, aufgebrochen. Morgen will er die Grenze zu Aserbaidschan überqueren. Aber beides ist im Moment so fern wie Aachen und Teheran. Im Moment denkt Sadatolhosseini bloß: Wo werde ich heute übernachten?

          Eine Gruppe Männer stoppt ihn. Um die 40 Jahre, sauber, aber nachlässig gekleidet, neugierig, was da in ihre Stadt rollt. Sie sprechen Sadatolhosseini auf Russisch an. Der schüttelt den Kopf: „Deutsch, English, Farsi.“ Nein? Dann Zeichensprache: Woher? Wohin? So oder so ähnlich hat Sadatolhosseini das heute etwa dreißigmal erlebt. Und auch das anschließende schweigende Betrachten des Rades und die hochgezogenen Augenbrauen: Was ist das?

          Nach 30 Jahren in Deutschland

          Sadatolhosseinis Rad ist ein Rhönrad. Ein Sportgerät, das 1925 in Deutschland erfunden wurde und mit dem Artisten elegante Choreographien auf die Bühne bringen. Sie turnen in dem Rad, rollen damit, lassen es kreisen. Auch Sadatolhosseini kann das. Er ist für Iran bei den Weltmeisterschaften angetreten, hat als Organisator die WM 2015 nach Deutschland geholt und ist an der Uni Aachen Dozent für Rhönrad-Turnen.

          Kein leichter Weg, aber eine schöne Aussicht
          Kein leichter Weg, aber eine schöne Aussicht : Bild: Shahin Sadatolhosseini

          „Das Rhönrad hat mir Halt gegeben“, sagt Sadatolhosseini. Er hat es erst in Aachen kennengelernt. Nachdem er mit 13 Jahren vor dem Iran-Irak-Krieg nach Deutschland geflohen war. Mit seiner Mutter, aber ohne Freunde und kaum einem Wort der deutschen Sprache. Und es hat ihn während seines Lebens in Deutschland begleitet. Während er als Fotograf arbeitete, während er Design studierte, während er seine ersten Ideen als Aktionskünstler umsetzte, während seiner Zeit als freier Designer.

          Und nun, wo Sadatolhosseini 46 Jahre alt ist, begleitet es ihn deswegen auch nach Teheran. Die Stadt seiner Kindheit. Es ist das erste Mal, dass er sie wiedersehen wird. Erst konnte er nicht zurück, weil er noch ein Junge war. Später nicht, weil er ein Mann war und zum Militärdienst eingezogen worden wäre. Als die Gefahr überstanden war, hat es sich nie so recht ergeben. Lange nicht. So sind nun 30 Jahre vergangen.

          Übernachten im Schneckenhaus

          Gemeinsam bewältigen Sadatolhosseini und sein Rad am Tag etwa 20 Kilometer. Manchmal auch 40. Manchmal verlaufen sie sich, dann müssen sie alles wieder zurück. In Deutschland ging es anfangs durch Eis und Schnee. In Serbien durch Hitze und Staub. In Bulgarien mussten sie auf der Landstraße neben Lastwagen rollen. In Istanbul vierspurige Stadtautobahnen überqueren.

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