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Zu Besuch bei Chez : Nirgendwo in Mexiko

  • -Aktualisiert am

Don Chez is watching you: Der Künstler ist überall präsent, auf der Spüle liegt ein rot lackierter Gipsabdruck seines Gesichts. Bild: José Rodriguez

Mitten im Nichts: in einem abgelegenen Winkel der Sierra Madre hat sich der Künstler Chez seine persönliche Zuflucht geschaffen. Zu Besuch in dem seltsamen Reich eines kiffenden Till Eulenspiegel.

          „Km 2“ zeigt das Schild am Straßenrand an, dahinter windet sich eine Serpentinenstraße, von Schlaglöchern übersät, den Berg hinauf. Es ist ein bedrückendes Panorama, runde Hügel ragen hervor wie gewaltige Zuckerhüte, über denen der Herrgott mit einer Schöpfkelle Vegetation verteilt hat. Dann geben die Busfenster den Blick ins Tal frei, wo glatt wie ein Spiegel die Hochebene des mexikanischen Bundesstaats Morelos liegt, mit ihrer Hauptstadt Cuernavaca, über der in der Ferne das Sonnenlicht flimmert.

          „Km 1“, die Steigung ist überwunden. Ein Wegweiser markiert den Ortseingang von Santo Domingo Ocotitlán. 2060 Meter hoch, 1379 Einwohner, ein Dorf am Rand der Zivilisation. Der Bus hupt Pferde von der Fahrbahn, die ersten Häuser tauchen auf, flache Quader aus Vulkanstein, die geduckt in der Hochebene liegen. Ihre Mauern sind so grau, dass sie vor dem milchigen Himmel zu zerfließen scheinen. Vor einer Kirche kommt der Bus abrupt zum Stehen. „Km 0„, Grenzstein der Zivilisation. Hier endet die Straße. Dahinter liegen nur Berge, die bislang keiner besiedeln wollte.

          „Fuck you very much!“

          Hier oben, in einem abgelegenen Winkel der Sierra Madre, lebt ein Mann, den die Einwohner „Don Chez“ nennen und von dem sie sich erzählen, er sei ein Wahnsinniger. Ein Genie und Eremit - einst Dirigent eines Symphonieorchesters in Kanada, heute ein saufgieriger und schaffenswütiger Künstler, der in einem Anwesen haust, das mit Kunst vollgestopft ist.

          Das liegt weiter hinten im Ort, am Rand eines Feldwegs. Der Wind wirbelt roten Sand auf, ein paar Straßenköter kriechen im Staub, Büsche wuchern über einen lang gezogenen Holzzaun. Dann funkelt ein blaues Tor hervor, gezimmert aus Brettern, Planken, Planen und mit Knochen, Muscheln und einem Kompass behängt. Man hat das Gefühl, vor einer Burg zu stehen, vor einem Piratennest - und ist am Einstieg in das Reich von Czeslaw Kazimierz Gladyszewski.

          Spielplatz eines Unordnungsfanatikers: Im Refugium des polnischen Künstlers gehen Kunst und Krempel eine schwer durchschaubare Symbiose ein.

          „Fuck you very much!“, ruft Don Chez und wirft seine Pranke durch die Tür, der süßliche Geruch des Pegeltrinkers weht heran. „Bienvenidos a Chezlandia!“ Er ist ein stämmiger Mann um die siebzig, von Alkohol und Tabak gezeichnet, angetan mit einer vollgekleckerten Hose und einem Janker, in dessen Ausschnitt Ketten klimpern wie bei einem Piratenkapitän.

          Erstmal einen Joint und ein Bier

          Chez zerrt das Tor zur Seite und gibt den Blick in einen kaputten, funkelnden Irrgarten frei, in dem jeder Quadratzentimeter mit seltsamen Schöpfungen zugepflastert ist. Schlingpflanzen wuchern über Gemälde und Skulpturen, von blühenden Mangobäumen hängen Fetzen aus Batik, auf einem Wegweiser steckt ein aufgespießtes lackiertes Huhn. Aus den Büschen lugen Metallfiguren, die aussehen wie der Blechmann aus „Der Zauberer von Oz“. Immer neue Kunstobjekte kämpfen mit der wuchernden Vegetation um die Vorherrschaft. Nichts scheint an seinem Platz zu sein. Es ist die verstörende Spielwiese eines Unordnungsfanatikers.

          Czeslaw Kazimierz Gladyszewski alias Don Chez.

          Chez verschwindet auf einem Pfad unter hängenden Tarnnetzen und gelangt zu einem Bunker, der sich so nahtlos ins Dickicht fügt, dass man ihn erst erkennt, als man direkt davor steht. Die Küche. „Ist alles aufgeräumt, Mann, sauber“, sagt Chez, tritt ein und kickt eine leere Flasche Bitburger unter die Spüle. Auf dem Sofa stapeln sich leere Dosen Jack Daniel's Cola, der Schrank liegt unter einer dicken Schicht Staub. Chez nimmt unter einem Selbstporträt mit Cowboyhut Platz, daneben das Konterfei von Papst Johannes Paul II. Es riecht nach Ziege.

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