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Zirkusfestival : Tief in die Augen der Prinzessin schauen

  • -Aktualisiert am

Pierre Marchand: Eins mit dem Diabolo Bild: F.A.Z. / Frank Röth

Monte Carlo wird einmal im Jahr zum Mekka der Artisten. Als Schirmherrin des Zirkusfestivals vergibt Prinzessin Stéphanie den begehrten „Clown“ an die Besten. Aussichtsreicher Kandidat ist der 22 Jahre alte Ausnahme-Jongleur Pierre Marchand.

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          Tief blickt Pierre Marchand Prinzessin Stéphanie von Monaco in die Augen. An normalen Abenden fixiert der Sonnyboy scheinbar alle im Publikum, so dass jeder einzelne - das ist Pierres Trick - glaubt, der junge Star schaue gerade ihn an. Aber dies ist kein normaler Abend, diese Vorstellung im Grand Chapiteau in Monte Carlo ist der Höhepunkt von Pierres kurzer Karriere. Der Junge aus Korsika hat mit seinen 22 Jahren schon den Gipfel erreicht, den jeder Artist anstrebt. Wer hierher zum Zirkusfestival eingeladen worden ist, um mit den besten Jongleuren, Hochseilläufern oder Dompteuren der Welt um den Goldenen Clown zu wetteifern, darf sich in den Zirkusolymp aufgenommen fühlen.

          Die oberste Göttin des Artistenhimmels von Monte Carlo sitzt zusammen mit ihrem Bruder Albert, dem nunmehr regierenden Fürsten im Zwergstaat an der Riviera, in der ersten Reihe. Direkt am Ring, direkt vor Pierre. Stéphanie hat nach dem Tod ihres Vaters, des zirkusvernarrten Fürsten Rainier III., vor zwei Jahren die Schirmherrschaft über das vom alten Fürsten 1974 gegründeten Festival übernommen. Auf sie, die Zirkusverliebte, kommt es besonders an. Das wissen alle Artisten. Und deshalb schaut Pierre, bevor die Musik einsetzt und seine Nummer beginnt, der Prinzessin tief in die Augen.

          Vor zwei Jahren war er noch ein Niemand

          Vor zwei, drei Jahren ist Pierre Marchand noch ein Niemand im Showgewerbe gewesen. Gewiss, er hat 2000 beim Festival im belgischen Tournai Bronze und 2003 beim Festival in Grenoble Silber gewonnen, aber viel zählen diese Preise in der Branche nicht. Pierre war danach einer von vielen. Beim norwegischen „Circus Arnado“ und dann beim deutschen Familienzirkus „Renz“ hat er sich als Diabolo-Jongleur durchgeschlagen, einer Disziplin, die als ziemlich langweilig gilt, nichts, womit man ein Star werden kann.

          Der Diabolo galt bisher als zirkusunkompatibel
          Der Diabolo galt bisher als zirkusunkompatibel : Bild: F.A.Z. / Frank Röth

          Und dann kam 2004 dieses Festival in Wiesbaden, Gold beim „European Youth Circus“ in der hessischen Landeshauptstadt. Die Mädchen standen nach der Show Schlange vor der Garderobe, um ein Autogramm von Pierre zu ergattern. Johnny Klinke, der Direktor des Frankfurter Varietés „Tigerpalast“ und Jurymitglied in Wiesbaden, erkannte sofort, welches Talent sich hier präsentiert hatte, und zeichnete ihn zusätzlich mit dem „Tigerpalast-Preis“ aus. Doch bevor er ihn nach Frankfurt holen konnte, hatte schon Frank Keller vom Zirkus Krone zugegriffen und ihn für das 100. Jubiläum des Münchener Traditionsunternehmen engagiert. Danach ist Pierre aufgestiegen wie eine Rakete: „Friedrichsbau“ in Stuttgart, „Pomp duck and circumstance“ in Berlin, Tournee-Zirkus „Flick Flack“ und zuletzt ein halbes Jahr im „Tigerpalast“.

          Muss die Zuschauer von den Sitzen reißen

          Jetzt also der Zirkus-Mount Everest, das 31. Festival Monte Carlo. „Monte Caaaaaarlo“, wie der Conférencier Petit Gougou im großen Zelt immer röhrt, wenn etwas Besonderes anzukündigen ist. Pierres erster Auftritt bei der Festival-Premiere am vergangenen Donnerstag war nicht schlecht gewesen - aber auch nicht besonders gut. Als Zweiter im Programm hatte er damit zu kämpfen, dass das Publikum noch nicht richtig in Stimmung war. Ordentlicher Beifall, aber keine „standing ovations“. Zu wenig für den ehrgeizigen Pierre.

          An diesem Samstagabend hat er seine zweite Chance, in dieser Wiederholungsvorstellung muss er die Zuschauer von den Sitzen reißen. Nervös wippt er eine Stunde vor Vorstellungsbeginn vor dem Garderoben-Container von einem Fuß auf den anderen. Zweifel plagen ihn, ob er, der Neuling, der Konkurrenz der Etablierten und Berühmten gewachsen ist. Den chinesischen Trapez-Legenden aus Schanghai; dem portugiesischen Guerrero-Duo auf dem Hochseil, das schon zweimal erfolgreich am Festival teilgenommen hat; der showerfahrenen Familie Casartelli aus Italien mit ihrem prächtigen Tableau von Pferden und exotischen Tieren. So viele exzellente Artisten, so viele spektakuläre Nummern. Wie soll Pierre sich gegen diese Meister durchsetzen?

          Ein goldener „Clown“ ist die höchste Auszeichnung

          Der alte Italo Médini, einst die Nummer eins unter den Jongleuren, machte Pierre Mut. Vor vierzehn Jahren hat er Pierre kennengelernt, hat ihm das Jonglieren beigebracht, damals, in der Zirkusschule von Annie Fratellini in Paris, wo der heute Vierundachtzigjährige Lehrer war. Pierre, der zwar in Korsika zur Welt kam, aber in Togo in Afrika, wo seine Eltern arbeiteten, aufwuchs, war ein richtiger Wildfang. Sein Vater, ein Mathematiklehrer, und seine Mutter, eine Französischlehrerin, hatten ihre Schwierigkeiten mit ihm und meldeten ihn an der Zirkusschule an in der Hoffnung, dort würde sein Ungestüm in feste Bahnen gelenkt. „Er ist ein guter Junge“, sagt Médini. Pierre habe von Anfang an gewusst, was er wolle, habe immer zielstrebig gearbeitet.

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