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Aufklärungsunterricht : Neunzig Minuten sexuelle Vielfalt

Guido Mayus - Ein homosexueller Lehrer unterrichtet in der Potsdamer Voltaire Gesamtschule Sexualkunde. Bild: Andreas Pein

Ein schwuler Biologielehrer redet im Aufklärungsunterricht an einer Potsdamer Gesamtschule über Normalität, Homosexualität und Identität. Nicht allen gefällt so ein offener Umgang mit Sexualität.

          Und am Ende der vorigen Stunde hat der Lehrer dann gesagt, dass es ein drängendes Problem gibt, aber das kann ich so nicht bestätigen“, fasst Felix mit errötenden Wangen die letzte Unterrichtsstunde zusammen. „Nämlich, wir haben darüber nachgedacht, ob es sein kann, dass ein Penis zu klein ist.“ Seine Mitschüler lachen, aber nicht spöttisch über Felix, sondern einfach, weil sie die Vorstellung lustig finden. Auch Felix und sein Biolehrer Guido Mayus lachen. „Und wie ist die Antwort?“, fragt Mayus. Leander meldet sich: „Das kann nicht sein, weil, wozu dient der Sex? Um Spaß zu haben, dazu muss man das sexuelle Erregungszentrum der Frau berühren, und das ist nicht weit drin.“ „Ja, wo ist es denn?“, fragt Mayus. „Über der Scheide“, sagt Benedikt.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Potsdam, Sexualkundeunterricht an der Voltaire-Gesamtschule, in einer sehr leistungsstarken achten Klasse. Thema der Doppelstunde: „Männlich, weiblich und was noch?“ Mayus, 49, Bio- und Erdkundelehrer und schwul, möchte den Schülern verschiedene Konstruktionen und Dimensionen von Geschlecht vermitteln.

          Ein Ansinnen, das im Rahmen des Konzepts der „sexuellen Vielfalt“ Einzug in die Lehrpläne vieler Bundesländer gefunden hat oder demnächst finden soll, das von Teilen der Union, der AfD und Initiativen wie dem „Familien-Schutz“ indessen als Frühsexualisierung der Kinder und Eingriff in die Erziehungshoheit der Eltern geschmäht wird.

          Nachdem Felix mit seiner Zusammenfassung der letzten Stunde fertig ist, wirft Guido Mayus mit dem Laptop eine Zeichnung an die Wand. Darauf sieht man zwei junge Menschen, von denen der linke aussieht wie ein Junge und der rechte androgyn wirkt. Die Schüler sollen sagen, was sie denken. Sarah (deren Name wie die Namen aller Schüler im Text verändert wurde) meldet sich: „Ich denke jetzt erst mal, dass es Junge und Mädchen sind; die rechte sieht aber nicht normal aus.“ „Was ist denn normal?“, fragt Mayus. Konstantin sagt: „Man hat dann keine Tattoos auf dem Arm, so wie die rechte.“ Kira meint: „Sie sieht weniger durchschnittlich aus, ich würde sagen, sie könnte auch ein Junge sein.“

          Mädchen sind zickig, Jungs weinen nicht

          Mayus bittet die Schüler, in Kleingruppen typische Merkmale von Mädchen und Jungen zu erarbeiten. Es kommt heraus: Jungen haben kurze Haare, tragen flache Schuhe, haben unrasierte Beine, kantige Gesichter, wollen cool sein und Feuerwehrmann werden. Mädchen sind zickig, unsportlich, lieben Rosa, tragen enge Klamotten und Röcke. Was in den Augen der 14 Jahre alten Schüler für beide Geschlechter gilt: Sie benutzen Parfum, können sportlich sein und Hosen tragen. Die Schüler stellen auch fest, dass man nicht pauschal sagen kann, dass Jungen „so“ sind und Mädchen „so“.

          Die Unterrichtsmaterialien, die Mayus einsetzt, stammen nicht aus dem Biologiebuch der Schüler, sondern aus dem Internet oder vom Lesben- und Schwulenverband. Auch die AG „Schwule Lehrer“ bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Berlin hat einige Arbeitsblätter beigesteuert, „vor allem solche, die sich mit der sexuellen Orientierung befassen“, sagt Mayus. Wenn es nach der Gewerkschaft geht, sollen die Schulbuchverlage künftig bei der Konzeption von Schulbüchern berücksichtigen, „dass Zweigeschlechtlichkeit lediglich eine gesellschaftliche Norm, nicht aber eine biologische Tatsache ist“, und „viel mehr Menschen zeigen, die zum Beispiel homo- oder bisexuell sind“.

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