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Statistisches Bundesamt : Zahl der Selbsttötungen 2019 zurückgegangen

  • -Aktualisiert am

Die Anzahl der Selbsttötungen ist abermals zurückgegangen, um 200 im Vergleich zum Vorjahr. (Symbolbild) Bild: dpa

Die Zahl der Suizide ist im Jahr 2019 abermals zurück gegangen. Allerdings liegen die Zahlen im Osten Deutschlands über dem bundesweiten Mittel. Die Auswirkungen der Corona-Krise sind noch offen.

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          Das Statistische Bundesamt hat die Suizid-Statistik für das Jahr 2019 veröffentlicht. Die Anzahl der Selbsttötungen ist demnach abermals zurückgegangen, um 200 im Vergleich zum Vorjahr, auf insgesamt 9041. Dabei fällt jedoch auf, dass in den Bundesländern im Osten Deutschlands – mit Ausnahme von Brandenburg – die Zahlen gestiegen sind und klar über dem bundesweiten Mittel von 10,9 Fällen pro 100.000 Einwohner liegen. Am höchsten ist die Quote mit 15,4 Fällen in Sachsen-Anhalt. Sachsen folgt mit 14,3, danach Mecklenburg-Vorpommern (13,9). Für Thüringen führt die Statistik 13,3 Suizide pro 100.000 Einwohner auf. In den westdeutschen Ländern liegt der Wert nur in Schleswig-Holstein (13,5) ähnlich hoch. Am unteren Ende der Liste liegen Berlin (10,1), Bremen (8,8) und Nordrhein-Westfalen (7,5).

          Für die höheren Suizidzahlen im Osten gebe es keine klar umreißbaren Gründe, sagt Ute Lewitzka, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Dresden und spezialisiert auf Suizidforschung und -prävention. Vielmehr sei dafür wohl viele Faktoren verantwortlich. Es sei gut dokumentiert, dass die Suizidraten in Mitteldeutschland schon vor anderthalb Jahrhunderten auffällig hoch waren. Schon in den Karten, die der Italiener Henry Morselli 1883 zu Suizidfällen in Europa anfertigte, war die Region tiefrot eingefärbt. „Eine der Hypothesen ist, dass die Menschen in diesen Regionen ein eher in sich gekehrtes Naturell haben und deshalb anders mit Konflikten, Stress und Unzufriedenheit umgehen“, sagt Lewitzka. Weitere Vermutungen betrafen damals die Verteilung religiöser Zugehörigkeiten.

          Alter und sozioökonomische Faktoren spielen eine Rolle

          Nach Forschungserkenntnissen geschehen bis zu 90 Prozent der Suizide unter dem Einfluss einer psychischen Erkrankung. Zwar gibt es keine Hinweise darauf, dass in den stärker betroffenen Regionen mehr Personen an Depressionen erkrankt sind. Aber in ländlichen Gebieten ist die Versorgung mit Hausärzten und vor allem mit Fachärzten oft schlechter als in Städten. Zudem liegt der Altersdurchschnitt in den ostdeutschen Bundesländern höher als im Westen. Da „Suizid ein Phänomen des Alters ist“, wie es Lewitzka formuliert, macht sich die Überalterung der Bevölkerung in den strukturschwächeren Regionen im Osten auch in der Suizidstatistik bemerkbar. Zudem spielen sozioökonomische Faktoren wie die Arbeitslosenquote oder die Höhe der Rente eine Rolle.

          Maßnahmen in der Suizidprävention haben zu einer Halbierung der Zahl an Selbsttötungen seit den achtziger Jahren geführt. Da es in Deutschland jedoch kein staatlich gefördertes Suizidpräventionsprogramm gibt, existieren in den westdeutschen Bundesländern mehr etablierte ehrenamtliche Projekte. Lewitzka fordert eine stetige, auch strukturelle Förderung, „aber das Thema ist unangenehm und wird noch immer gemieden“.

          Welchen Einfluss das Jahr 2020 auf die Anzahl an Selbsttötungen hatte, kann sie noch nicht absehen. Momentan lasse sich keine Zunahme an Suiziden in der Zeit der Corona-Pandemie feststellen. Eine Studie zur Spanischen Grippe zeige aber, dass speziell die zweite und die dritte Welle mehr Suizide hervorriefen. „Wir werden es erst Ende nächsten Jahres sehen.“


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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