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Saint-Laurent-Darsteller Pierre Niney : „YSL war sehr komplex“

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Der falsche Saint Laurent, aber dank guter Maske täuschend echt. Schauspieler Pierre Niney im aktuellen Kinofilm Bild: ddp images

Pierre Niney spielt für einen Kinofilm den sagenumwobenen Couturier Yves Saint Laurent. Ein Gespräch über Geschmack, Magie, homosexuelle Liebesszenen und das „gewisse Unglück“ eines Ausnahmetalents.

          Paris, 1957: Als Christian Dior überraschend stirbt, wird sein nur 21 Jahre alter Assistent sein Nachfolger. Was dann folgt, hat Modegeschichte geschrieben: der Aufstieg Yves Saint Laurents zum Shooting Star, die Gründung seines eigenen Labels, selbstzerstörerische Exzesse und – immer wieder – Geniestreiche auf dem Laufsteg. Gleich zwei Filme widmen sich dieses Jahr dem Leben des Mannes, der die Mondriankleider schuf und mit seinen androgynen Formen den Frauen zu neuer Stärke verhalf. Der erste von beiden heißt schlicht „Yves Saint Laurent“ und ist mit Unterstützung von dessen Geschäfts- und Lebenspartner Pierre Bergé entstanden. Die Zeichnungen und Kleider, die darin gezeigt werden, sind Originale. Die Hauptrolle spielt der 1989 geborene Pierre Niney. Im Berliner Hotel de Rome sitzt ein zierlicher, fröhlicher Mann mit Wuschelhaar, der beim Interview seinem Gegenüber so direkt in die Augen schaut, wie YSL es nie getan hätte.

          Monsieur Niney, was ist Talent?

          Ha! Wie viel Zeit haben wir?

          Eine schnelle Antwort, bitte.

          Okay, ich gebe mein Bestes. Hm ... Das ist aber eine wirklich schwierige Frage!

          Fangen wir anders an: Was ist Geschmack?

          Geschmack ist etwas sehr Persönliches, das sich mischt mit einem Sinn für Ästhetik und Kultur.

          In Ihrem neuen Film heißt es gleich zu Anfang: „Wir wissen nicht, wo Geschmack oder Instinkt herkommt.“ Gilt das vielleicht auch für Talent?

          Talent ist etwas Unerklärliches, das man nicht herstellen kann. Es ist etwas sehr Persönliches. Wie der Film zeigt, gehört dazu auch eine gewisse Anmut. Und ein gewisser Geschmack, den man einfach hat. Darin liegt die Magie.

          Sie spielen Yves Saint Laurent, der mit 21 Jahren an die Spitze des Hauses Dior berufen wurde. Sie selbst wurden mit 21 das jüngste Ensemblemitglied am französischen Staatstheater Comédie-Française. Wie nahe fühlen Sie sich diesem Künstler, der die Mode revolutioniert hat?

          Die Sache mit dem Alter wird vermutlich unsere einzige Gemeinsamkeit bleiben. Abgesehen von dieser gewissen Leidenschaft natürlich, dass man schon in einem sehr jungen Alter tatsächlich das macht, was man will. Aber für alles andere gilt: Man darf den Maßstab nicht verlieren. Yves Saint Laurent hat ein Imperium übernommen, das war historisch, etwas sehr, sehr Mächtiges. Wenn ich mit 21 Jahren an die Comédie-Française komme, ist das vielleicht für meine Mutter historisch, aber nicht unbedingt für die Geschichte Frankreichs.

          Yves Saint Laurent 1969 mit seinen Models Betty Catroux (l) und Louise de la Falaise vor seiner ersten Boutique in London

          Der Film rückt die Beziehung zu dem Geschäfts- und Lebenspartner Pierre Bergé ins Zentrum. Welche Bedeutung hatte Bergé für YSL?

          Die beiden waren ein Duo und haben sich perfekt ergänzt, auch als Paar. Man könnte allerdings auch von einem Monster mit zwei Köpfen sprechen. Das hatte auch etwas Erschreckendes. Einer der beiden war brillant, nämlich Pierre Bergé, ein sehr kultivierter Mann, der sich Künstlern sehr nahe fühlte. Der andere war nicht brillant, sondern genial. Das war Yves Saint Laurent. Hätten die beiden ohneeinander funktioniert? Was wäre aus Yves Saint Laurent geworden ohne Pierre Bergé? Er war ein Genie, er hätte sicher Großes geschaffen. Aber etwas so Großes? Die beiden sind miteinander und dank ihres Miteinanders in die Geschichte eingegangen und zu Legenden geworden.

          War es für Sie eine Herausforderung, diese homosexuelle Liebe zu spielen?

          Ja und nein. Der Fakt, dass hier eine homosexuelle Liebe geschildert wird, hat ja nichts Politisches, das wird einfach gezeigt, wie man auch eine Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer Frau hätte zeigen können. Viel wichtiger war die Verbundenheit zwischen den beiden. Sicherlich war es zu jener Zeit mutig, das so auszuleben. Aber mir hat gefallen, dass diese Liebe auf eine sehr einfache Art und Weise gezeigt wird, ohne die Homosexualität herauszustellen. Was mich persönlich betrifft - ja, es war schon so, dass ich zum ersten Mal homosexuelle Liebesszenen gespielt habe, aber ich habe sehr schnell nicht mehr darüber nachgedacht, weil ich mich in den Dienst der Geschichte gestellt habe. Ich war einfach berührt von dieser verrückten, leidenschaftlichen Liebesgeschichte. Scham und Angst haben dann überhaupt keine Rolle mehr gespielt.

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