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Youtube-Kommentare : Ich war vierzehn, sie war neunzehn

  • -Aktualisiert am

Bild: Youtube Screenshot

Wer hätte das gedacht: Die Kommentarspalten auf Youtube sind nicht nur Streitforen, sondern sie erzählen auch Geschichten. Von Liebe, von Krieg und von Verlust.

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          Zwischen all der Liebe und all dem Hass, zwischen den uninspirierten Pöbeleien und kaum originelleren Huldigungen, die täglich millionenfach in den Kommentarspalten der Videoplattform Youtube abgeladen werden, lesen sich jene Zeilen, die ein Nutzer zu „The Stranger Song“ von Leonard Cohen hinterlassen hat, wie ein Aphorismus: „Vielleicht kommt euch das befremdlich vor, aber ich verbinde diesen Song mit meinem Vater, der jetzt an Alzheimer erkrankt ist. Wenn ich Leonard höre, denke ich an meinen Vater, der auch zum Fremden geworden ist.“

          Solch ein Bekenntnis mag uns ebenfalls etwas befremdlich vorkommen, denn eigentlich ist die Kommentarspalte von Youtube eine ganz fürchterliche Einrichtung. Ein Ort der virtuellen Grausamkeiten, wo die Nutzer nach Herzenslust metzeln können, weil ihnen ein meist ziemlich dümmliches Pseudonym Deckung gibt. Ganz besonders haben es Kommentatoren wie auf Justin Bieber abgesehen; unter die Musikvideos des Popstars schreiben sie gerne „gaaaaaay“, was mit „schwuuuuuul“ zu übersetzen ist, von winzigen Geschlechtsteilen ist die Rede; manche wollen den jungen Sänger tot sehen, der ironischerweise einst über die Internetplattform entdeckt wurde. Man könnte es frei nach Büchner formulieren: Youtube ist wie ein Saturn, es frisst seine eigenen Kinder - wären da nicht andererseits Nutzer, die den milchgesichtigen Bieber „sooooooooooo süß“ und „damn sexy“ finden.

          Glücklicherweise aber gibt es Humanisten wie Mark Slutsky, die das Meer aus Schmähkritik und Teeniepoesie nach dem Guten abfischen. Der Blogger hat sich auf die Suche begeben und die Kommentarspalten jenseits der von Bieber-Hassern eingetrampelten Pfade studiert, um dort unter den Videos zu alten amerikanischen Popsongs „verblüffende Schätze der Menschlichkeit“ aufzuspüren. So schreibt er es auf seinem Blog Sadyoutube.com, wo er seine Fundstücke präsentiert.

          Wie eine Oral History

          Slutskys Blog erzählt Geschichten. Manche sind schön, weil sie von etwas so Magischem berichten wie dem ersten Tänzchen, damals, im Jahr 1979, auf einer Party, als Al Greens „Tired of Being Alone“ lief: „Eins der älteren Mädchen aus dem Barrio fragte mich, ob ich mit ihr tanzen wolle. I was 14, she was 19.“

          Manche sind aber auch ganz schön schaurig, und man möchte jenem Fremden gleich verordnen, sich bei „Since I Don’t Have You“ von den Skyliners immer feste die Ohren zuzuhalten - erinnert das Lied ihn doch an den Schock seines Lebens, wie er schreibt: „Als ich acht Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule nach Hause und entschied mich, eine Pinie hochzuklettern, um ein paar Vogelbabys in ihrem Nest zu beobachten. Ich nahm sie mit nach Hause, und meine Mom wurde sauer. Ich musste sie wieder zurückbringen.“ Man ahnt, was dann passierte: „Am nächsten Tag nach der Schule kletterte ich wieder auf den Baum - nur um sehen zu müssen, dass die Vogelmutter niemals zu ihren Babys zurückgekehrt war. Natürlich sind sie gestorben. Und ich weinte wochenlang.“ Im Grunde, glaubt Slutsky, könnte man eine zeitgenössische oral history Amerikas im Stil von Studs Terkel schreiben, der als Chronist des einfachen Amerikas gilt. Eine Alltagsgeschichte, die ausschließlich aus Youtube-Kommentaren zu Popsongs heraus gefiltert wurde.

          “Im neunten Monat schwanger, kellnerte ich nachts in einem Diner und hörte dieses Lied, während ich die Tische abwischte, rausblickte und mich wunderte . . . Das Leben hat sich etwas gebessert, aber dieser Song transportiert mich immer noch zurück in die Vergangenheit. Gute und schlechte Erinnerungen. Wunderschön.“ Lakonische Zeilen einer Frau mit einem miesen Job im amerikanischen Dienstleistungssektor, die sich mit dem synthesizerlastigen „Drive“ von den Cars kleine Momente der Glückseligkeit verschaffte. Ein anderer Youtube-Nutzer fühlt sich bei „Book of Love“ der Monotones an die Imbisskette Kentucky Fried Chicken erinnert: „Als ich zehn war (heute bin ich 15), hörte ich diesen Song bei kfc; meine Mom arbeitete dort und nahm mich mit, weil sie keinen Babysitter wollte.“

          Wie sehen die Geschichten der Zukunft aus?

          Youtube beschwört aber auch große amerikanische Geschichte, die von Männern geschrieben wurde. „Wow, was für Erinnerungen“, schreibt ein Nutzer namens rickyt43515 unter das Video von „Walk Away Renée“. rickyt43515 war als Militärarzt mit der 199. Infanterie in Vietnam, erzählt er, und hörte damals das Stück der Band The Left Banke über den Militärsender AFN. Um Mitternacht. „Hatte eben einen Brief von einem Mädchen bekommen, mit dem ich verlobt war.“ Sie schrieb davon, am nächsten Tag einen anderen zu heiraten. „Es einfach nur zu hören bringt ein paar Tränen zurück.“

          Um Tränen ringen auch manche deutschen Youtube-Nutzer, zum Beispiel wenn „Junge, komm bald wieder“ von Freddy Quinn erklingt. „Wen1.2034324n ich dieses Lied höre, werden mir immer die Augen nass“, schreibt „Martin“ und setzt noch etwas kryptisch hinzu: „Vor 40 Jahren in Warnemünde ist es wunderschön gewesen.“ Ansonsten wird lieber erörtert, ob Quinn nun homosexuell oder ob Heinz Erhardt alkoholabhängig gewesen sei. Die Popsongs von früher werden meist schön sachlich betrachtet: Wer wie Udo Jürgens noch niemals in New York gewesen sei, solle sich nicht weiter grämen, heißt es da zum Beispiel; schließlich behandelten die amerikanischen Behörden Reisende wie Schwerverbrecher.

          Nur bei Hildegard Knef wird es vergleichsweise sinnlich, wenn sich eine Frau erinnert: „Ich war auch sechzehn und ging alleine über den Ku’damm. Es war ein dorniger Weg, bis heute.“ CatDelicious92, die vermutlich das Geburtsjahr in ihr Pseudonym hat einfließen lassen, schreibt zu den roten Rosen von der Knef. „Ich dachte immer, das singt ein Mann.“ Was Leute wie CatDelicious92 in ein paar Jahrzehnten wohl zu erzählen haben, im Youtube der Zukunft? Wenn sie in Erinnerungen an damals schwelgen, als Justin Bieber „Boyfriend“ sang?

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