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Wotan Wilke Möhring im Porträt : Bin ich ein Lemming, oder was?

Wotan Wilke Möhring beim „Tatort“-Dreh in Hamburg-Wilhelmsburg Bild: Lucas Wahl

Männlich, sexy und emotional: Wotan Wilke Möhring ist ein Publikumsliebling. Bei aller Tiefsinnigkeit weiß er aber immer genau, was er will.

          7 Min.

          Am Ende dieses langen Tages sitzt Wotan Wilke Möhring in der Dunkelheit auf der Aussichtsterrasse des Hamburger Flughafens und brüllt. Die Müdigkeit, gegen die er am Set gekämpft hat, ist verflogen, die vom Nieselregen feuchten Holzbänke sind ihm egal. Auch den Krach des Start- und Landebetriebs scheint er ausgeblendet zu haben. Der Schauspieler redet über die Geburt seiner Kinder und den Tod seines Vaters, über die Liebe, Verantwortung und Moral. Er redet schneller, er redet lauter, und wenn er nicht in zehn Minuten aufsteht und zum Gate rennt, wird er den letzten Flieger heim nach Köln verpassen.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit gerötetem Gesicht beugt Wotan Wilke Möhring sich vor. Mitten auf seiner Stirn hat sich eine senkrechte Linie gebildet. Man kennt das von ihm. Wenn er sich wie vergangenen Sonntagabend wieder als Kommissar Falke im „Tatort“ Verdächtige vorknöpft („Die Feigheit des Löwen“, Das Erste, 20.15 Uhr), wenn er als junger Witwer unter der Last der Trauer einbricht („Der letzte schöne Tag“) oder als ganzkörpertätowierter Hacker ausflippt („Who am I“), wölbt sich manchmal diese Ader hervor, die nicht nur seine Stirn in zwei Seiten zu teilen scheint, sondern das Leben höchstselbst.

          „Das macht mich wahnsinnig“, ereifert sich der Siebenundvierzigjährige, „sich vor der eigenen Verantwortung drücken, dieses Verschanzen hinter der Position: Ich tu nur meine Pflicht.“ Um zu verdeutlichen, was er meint, brüllt er ein kleines lächerliches Beispiel in den Flughafenlärm: Eine rote Fußgängerampel nachts um drei, null Verkehr, und trotzdem nörgelt ein Opa mit Dackel, wenn jemand die Straße überquert. Möhring hat sich in Rage geredet. Er schreit: „Diese Ampel ist gemacht, damit sie den Fußgänger vor den Autos schützt. Es sind keine Autos da. Es ist kein Kind da. Ich bin ein mündiger Bürger. Da gehe ich rüber! Warum nicht? Weil da rot ist? Bin ich ein Lemming, oder was?“

          O nein. Dieser Mann ist kein Mitläufer, keiner, der in der Masse schwimmt. 15 Jahre lang war er in rund 100 Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, ohne dass man seinetwegen ins Kino gegangen wäre oder anschließend seinen Namen gewusst hätte. Sein charmantes Lächeln stellte er Blockbustern wie „Männerherzen“, Fernseh-Events wie „Das Adlon“ und Arthouse-Produktionen („Das Leben ist nichts für Feiglinge“) gleichermaßen zur Verfügung, die Kritik lobte ihn für seine Vielseitigkeit und Überzeugungskraft. Möhring war zur Konstante geworden, eine Art Universalbesetzung markanter Männlichkeit von überraschender, oft untergründiger Emotionalität. Dann nominierte ihn der Norddeutsche Rundfunk 2012 als sympathischen Sonntagabend-Kommissar mit Street Credibility, und die „Bild“-Zeitung titelte: „So sexy war Tatort noch nie.“

          Ein ganz besonderer Schauspieler

          Spätestens seitdem hat Deutschland begriffen, dass dieser Schauspieler etwas Besonderes ist. Im Alter von 30 Jahren stand er das erste Mal vor der Kamera. Und seine Lebensgeschichte vorher, dieser inzwischen oft beschriebene Weg vom Waldorfschüler zum Punk zum Zeitsoldaten, vom Weltreisenden zum Studenten zum Musiker zum Clubbetreiber zum Türsteher zum Model, den er heute „meine ganze Ausbildung“ nennt, macht ihn auf eine Weise authentisch, die in der Branche selten ist.

          Ein viel zu kalter Novembersonntag in Berlin. Um seinen neuen Kinofilm zu bewerben, den absichtsvoll verkitschten Weihnachtsreigen „Alles ist Liebe“, der am Donnerstag ins Kino kommt, wird Möhring an Kai Pflaumes Familienspielshow „Klein gegen Groß“ teilnehmen. Im Duell mit einem Achtjährigen soll der Schauspieler Plastiktiere erraten, mit verbundenen Augen, wobei er haushoch verlieren wird, weil er das vermaledeite Totenkopfäffchen nicht erkennt und - untypisch für einen schnellen Entscheider wie ihn - so lange die Figur befühlt, dass ihm am Ende die Zeit fehlen wird.

          Aber vor der Aufzeichnung, bevor der Schauspieler sein Hemd auszieht, weil seine Agentin das blaue Pünktchen-Exemplar von „Boss“ noch einmal aufgebügelt wissen will, bevor ihm die Frau von der Maske die sich lichtende Stelle am Hinterkopf dunkel pudert, und Möhring mit dem Aufnahmeleiter über die desolate Bundesligasaison der Dortmunder fachsimpelt, will er eine rauchen. Dazu muss er das Studiogebäude verlassen.

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