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Wort des Jahres : Die Karriere der Bundeskanzlerin

Jetzt auch auf dem Türschild Bild: AP

Im Duden taucht es 2004 zum ersten Mal auf, jetzt wurde die Karriere des Wortes durch die Gesellschaft für deutsche Sprache gekrönt - doch die „Bundeskanzlerin“ hat viele Vorläuferinnen. Eine kleine Wortgeschichte von Alfons Kaiser.

          3 Min.

          Die Bundeskanzlerin hat viele Vorläuferinnen. Eine von ihnen heißt Lieselotte Funcke. 1950 zog die Diplomkauffrau als FDP-Abgeordnete in den nordrhein-westfälischen Landtag ein. Im amtlichen Handbuch sah sie die Liste mit den Berufen der Abgeordneten: "Beamte: 14", "Handwerker: 11", "Arbeiter und Angestellte: 101", "Frauen: 15". Die Berufsbezeichnung Frau fiel bald weg. Hausfrauen bekamen eine eigene Rubrik. Berufstätige Frauen wurden zu den berufstätigen Abgeordneten gezählt. Und feminine Endungen von Berufsbezeichnungen wurden selbstverständlich - wenn auch gegen den Widerstand der Spötter, die aus dem weiblichen Azubi eine Azubiene machten.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          An eine "Bundeskanzlerin" - die Karriere des Wortes wurde am Freitag gekrönt, als die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache es zum "Wort des Jahres 2005" ernannte - war aber lange nicht zu denken. Schon mit der "Ministerin" hatte es gedauert: Konrad Adenauer, der Elisabeth Schwarzhaupt 1961 als erste Ministerin in sein Kabinett holte, sagte dennoch stets zur Begrüßung: "Morjen, meine Herren!" Und so kam auch die Bundeskanzlerin auf leisen Sohlen daher.

          Renate Schmidt: „Kanzlerkandidatin“

          In dieser Zeitung erscheint das Wort "Bundeskanzlerin" in den neunziger Jahren weniger als zwanzigmal. Im Jahr 1993 zum Beispiel schlägt Ingrid Matthäus-Maier die bayerische SPD-Vorsitzende Renate Schmidt als Kanzlerkandidatin vor. Frau Schmidt wiederum sagt, sie könne sich eine Frau als Bundeskanzlerin vorstellen, was aber nicht als Anmeldung einer Kandidatur verstanden werden solle. Dann will Heidemarie Wieczorek-Zeul SPD-Parteivorsitzende werden, angeblich aber nicht Bundeskanzlerin.

          Wer Bundeskanzler.de eingibt, wird automatisch auf diese Seite weitergeleitet

          Und schließlich hört es Heide Simonis, seit 1993 erste deutsche Ministerpräsidentin, gern, wenn man sie als mögliche erste Bundeskanzlerin bezeichnet. Am 4. April 1992 schon hatte allerdings Georg Paul Hefty diese SPD-Phalanx durchbrochen: "Wenn bisher je eine Frau eine halbwegs anerkannte Aussicht hatte, die erste Bundeskanzlerin aus der Union zu werden, dann Angela Merkel."

          „Bundeskanzlerin“: Seit 2004 auch im Duden zu finden

          Die konkreten Auswirkungen dieser Prophezeiung bemerkt wohl als erster der Berliner Student Lars Heitmüller. Er sichert sich 1998, als Dagmar Schipanski ansetzte, CDU-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten zu werden, die Internet-Adressen bundespräsidentin.de, bundeskanzlerin.de und gleichberechtigung.de. Im Oktober 2001 meldet sich bei ihm die von der CDU für den Bundestags-Wahlkampf 2002 engagierte Werbeagentur McCann Erickson - und zeigt Interesse an bundeskanzlerin.de. Heitmüller ist amüsiert, daß Frau Merkel noch nicht ihre Kanzlerkandidatur erklärt hat (die überläßt sie dann beim Frühstück von Wolfratshausen am 11. Januar 2002 Edmund Stoiber), aber schon an die passende Internetadresse denkt. Er will aber erst dann von der Adresse lassen, wenn es auch wirklich eine Bundeskanzlerin gibt. Und er möchte sie nicht verkaufen, sondern symbolisch übergeben, um, wie er sagt, der Gleichberechtigung auf die Sprünge zu helfen.

          Die sollte dann schneller kommen als gedacht. Der Duden, in dessen Auflage aus dem Jahr 2000 sich das Wort noch nicht findet, ist im Jahr 2004 so weit. In dieser Zeitung gelangt das Wort über fünf Nennungen (2001), neun (2002), vier (2003), 27 (2004) zum großen Durchbruch in diesem Jahr: Vom 1. Januar 2005 bis zum Freitag erschien "Bundeskanzlerin" in 397 Artikeln. So kam dann auch die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache unter dem Eindruck der Wahl Angela Merkels am 22. November auf das Wort. "Die Ableitung auf ,-in'", so meint die wissenschaftliche Mitarbeiterin Anja Steinhauer, "ist inzwischen bei Berufsbezeichnungen üblich. Daher ist es selbstverständlich, daß Frau Merkel auch als Bundeskanzlerin bezeichnet wird - und das wollten wir dokumentieren."

          Mündliche Anrede: „Frau Bundeskanzlerin“

          Im Grundgesetz freilich bleibt es beim generischen Maskulinum "Bundeskanzler", das auch für Frauen gilt. Und Ableitungen wie "Bundeskanzleramt" und "Kanzlerschaft" ändern sich höchstens in ultrafeministischen Kreisen. Dennoch verengt sich durch das Wort "Bundeskanzlerin" die Bedeutung des Wortes "Bundeskanzler": Es ist nun nur noch in Gesetzestexten und in Ableitungen generisches Maskulinum mit der Bedeutungshoheit über beide Geschlechter. Durch die "Bundeskanzlerin" wird der "Bundeskanzler" nun weitgehend auf den männlichen Amtsinhaber beschränkt.

          Das Protokoll hat den Änderungen längst stattgegeben. Der "Ratgeber für Anschriften und Anreden" der Abteilung "Protokoll Inland" des Bundesinnenministeriums ist schon seit Oktober 2004 auf eine weibliche Regierungschefin vorbereitet. Ihr Titel: "Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland". Mündliche Anrede: "Frau Bundeskanzlerin". Daß diese Anrede das Weibliche überdeterminiert, stört Sprachwissenschaftler wie Anja Steinhauer nicht: Auch "Herr Bundeskanzler" sei doppelt männlich.

          Wer Bundeskanzler.de eingibt, landet automatisch bei Merkel

          Briefköpfe und Internet-Adresse sind ohnehin schon geändert. Wer im Internet bundeskanzler.de eintippt, wird auf bundeskanzlerin.de weitergeleitet. Denn Lars Heitmüller, inzwischen PR-Berater in Berlin und 30 Jahre alt, hat die Adresse dem Bundespresseamt in einer formlosen Zeremonie beim Kaffee mit dem neuen Regierungssprecher Ulrich Wilhelm übergeben. Daß die Bundeskanzlerin nicht dabei war, kann Heitmüller gut verstehen: "Sie hat jetzt Besseres zu tun, als sich um Domains zu kümmern." Im übrigen freut er sich darüber, "daß aus einer komischen Idee reale Politik geworden ist". Nun ist die Adresse bundespräsidentin.de bei ihm zu haben.

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