https://www.faz.net/-gum-9ncui

Nach den Sommerferien : Ist mein Kind schon reif für die Schule?

Auf einer Linie gehen, das sollte man als Erstklässler können. Aber was noch? Bild: Picture-Alliance

Ihr Kind kann schon lesen und schreiben, also kann es auch eingeschult werden? Nicht unbedingt. Andere Fähigkeiten sind mindestens genauso wichtig.

          5 Min.

          Die Einschulung. Für rund 700.000 Kinder in Deutschland steht sie nach den Sommerferien bevor. Bei vielen Eltern sorgt das im Vorfeld für eine gewisse Nervosität. Ist mein Kind gut vorbereitet? Wird es den Übergang schaffen? Je näher die Einschulung rückt, umso mehr fangen Eltern an zu vergleichen. Kann der Konstantin nicht schon das Wort „Pommes“ auf der Speisekarte lesen? Hat nicht letztens die Amelie gesagt, dass sie schon 2 + 2 rechnen kann? Und das eigene Kind: spielt fröhlich mit Lego und kann keins von beidem.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was aber heißt es eigentlich, dass ein Kind schulreif oder schulfähig ist? Früher achtete man darauf, ob das Kind seinen Namen schreiben und mit einer Schere umgehen kann; heute sind es andere Kompetenzen, die in den Blickpunkt gerückt sind, wenn darüber entschieden wird, ob ein Kind eingeschult wird oder lieber noch ein Jahr im Kindergarten bleiben sollte. Es gehe weniger um bestimmte Fähigkeiten, die ein Kind beherrschen muss, bestätigt Manja Plehn, Professorin für Pädagogik der Kindheit an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera. Kinder sollten vielmehr in allen Entwicklungsbereichen unterstützt und gefördert werden: „Es geht auch darum, wie wir verhindern können, den Kindern die natürliche Neugierde zu nehmen. Das ist nicht nur ein Thema der Schule, sondern auch der Kindergärten und vor allem der Eltern. Die sind es, die den Bildungserfolg der Kinder am allermeisten beeinflussen.“

          Tatsächlich ist es eine Gratwanderung. Einerseits kann man den Förderwahn von einigen Eltern, die ihre Kinder nachmittags in Kurse stecken, um das vermeintlich Beste aus ihnen rauszuholen, kritisch sehen. Andererseits lohnt sich durchaus der Blick aufs Kind, um an entscheidenden Stellen ein bisschen nachzuhelfen. Dabei reicht es aber, den Nachwuchs aufmerksam im Alltag zu begleiten und ihm Impulse zu geben (siehe Kasten).

          „Kindern hilft es zu verstehen, wie sie etwas gelernt haben.“

          Entscheidend für die Schulreife ist die sogenannte Sprachfähigkeit eines Kindes. „Das ist zentral, denn nur mit Hilfe der Sprache können Kinder denken und sich ausdrücken“, sagt Plehn. Während in bildungsnahen Haushalten viel gelesen und gesprochen wird, findet das in anderen Familien nicht unbedingt statt. Die Befunde der BiKS-Studie – BiKS steht für: Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vorschul- und Schulalter – von 2013 habe gezeigt, „dass es Kindergärten und Schulen nicht ausreichend schaffen, die unterschiedlichen Kompetenzniveaus der Kinder auszugleichen“. Die Förderqualitäten in Kitas seien noch ausbaufähig, mahnt Plehn. Von dem Mangel betroffen seien insbesondere Kinder mit Deutsch als zweiter Fremdsprache.

          Neben der Sprache gibt es aber auch noch andere Dinge, die Eltern fördern können. Zum Beispiel die lernmethodischen Kompetenzen.

          „Kindern hilft es zu verstehen, wie sie etwas gelernt haben. Das schafft Selbstbewusstsein.“ Eltern könnten sie unterstützen, indem sie diese zum Beispiel fragten: „Kannst du dich noch erinnern, wie du das Problem gelöst hast?“ Dahinter steckt auch die Botschaft für das Kind: Es macht Spaß, zu lernen und Dinge herauszufinden. Dazu braucht es keine Kurse. „Wichtiger ist es, dass Kinder nicht komplett mit Aktivitäten verplant sind, sondern die Zeit haben, Dinge zu entdecken“, sagt Plehn.

          Und was ist mit dem Schwarzbrot in der Schule: Schreiben, Lesen, Rechnen? Sollte man Kinder darauf vorbereiten? „Es ist nicht notwendig, Kindern Schreiben und Lesen beizubringen, das ist Auftrag der Schule. Vielmehr geht es darum, Kinder bei ihren Selbstbildungsprozessen zu unterstützen“, sagt Plehn. Die meisten Kinder interessierten sich ab einem bestimmten Alter automatisch für Buchstaben und griffen zum Stift, um ihren Namen zu schreiben. „Dann kann man sie dazu anregen weiterzumachen.“

          Besonders genau hingeschaut werden muss bei den Kann-Kindern

          Schwieriger als das Thema Sprache und Lernen ist die Beurteilung der sozialen und emotionalen Fähigkeiten von Kindern. Die sind fast entscheidender als die sogenannten kognitiven, also geistigen Fähigkeiten. „Dabei geht es darum, ob ein Kind zuhören und sich auch mal zurücknehmen kann, ob es weiß, was es möchte und was es nicht möchte, und dass es auch mal aushalten kann, wenn etwas passiert, das es nicht möchte“, so Plehn. Seine eigenen Gefühle wahrzunehmen und diese ausdrücken zu können, dazu brauche es Sprache und Mut.

          Letztlich ist es wichtig, dass Kinder bis zum Schulanfang ein Selbstwertgefühl entwickelt haben und wissen, wo sie stehen, um sagen zu können: Ich kann das, ich darf das, und ich mach’ das.

          Besonders genau hingeschaut werden muss dabei bei den Kindern, die sogenannte Kann-Kinder sind, also zum Stichtag der Einschulung noch keine sechs Jahre alt sind, es aber im Spätsommer oder Herbst werden. Sie müssen noch nicht in die Schule gehen, können es aber. Manche von ihnen sind kognitiv sehr weit.

          Lehrermangel : Back to School again

          So war es bei Laura, die heute elf ist. Sie hat Mitte August Geburtstag und war damit ein klassisches Kann-Kind. Tatsächlich hatte sie sich schon im Kindergarten selbst das Lesen beigebracht und konnte erste Wörter schreiben. Ganz offensichtlich hatte sie gute kognitive Fähigkeiten; zudem war sie recht groß. Viele aus dem Umfeld der Eltern sagten damals: Das Kind muss in die Schule! Aber in Absprache mit dem Kindergarten kamen die Eltern zu dem Schluss, dass es für Laura, die ein zurückhaltendes Kind war, besser sei, noch ein Jahr im Kindergarten zu bleiben. Natürlich vermag niemand zu sagen, ob sie sich nicht auch als Kann-Kind in der Schule gut geschlagen hätte, aber Fakt ist, dass sie die Grundschule erfolgreich absolvierte und dort von Anfang an stabile soziale Kontakte hatte.

          „Mein Kind kann doch schon schreiben und lesen“

          „Kann-Kinder entwickeln sich überwiegend ähnlich gut wie die anderen Kinder, insbesondere bei den Vorläuferkompetenzen zum Schreiben, Rechnen und Lesen“, sagt Plehn. Etwas anderes sei die emotional-soziale Seite. „Da muss der Kindergarten, der verpflichtet ist, jedes Kind genau zu beobachten, bei den Kann-Kindern noch mal genauer hinschauen, um eine Empfehlung anzugeben.“

          Eltern aber hätten immer große Angst davor, dass ihre Kann-Kinder sich bei einem weiteren Jahr in der Kita langweilen könnten, sagt Annette Scherer, die als Grundschullehrerin in Frankfurt arbeitet, aber ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Dabei sei Langeweile überhaupt nichts Schlechtes. Wirklich schlimm sei es allerdings, wenn Kinder in der Schule überfordert seien, weil sie zu früh eingeschult wurden. „Ich bin seit zwanzig Jahren in dem Beruf und habe noch nie ein Kann-Kind erlebt, bei dem die Entscheidung richtig war, es schon früher einzuschulen“, sagt Scherer.

          Viele Eltern dächten: „Mein Kind kann doch schon schreiben und lesen“ und wollten es deshalb zur Schule schicken. Aber darauf komme es gar nicht an, „das können alle Kinder ganz schnell, wenn sie in die Schule kommen“. Dagegen seien die sozial-emotionalen Kompetenzen oft noch nicht ausgereift und die Kinder überfordert. „Ich hatte schon Kinder in der Klasse, die mit fünf eingeschult wurden und in die Hose machten. Da nützt es auch nichts, wenn sie schon im 100er-Raum rechnen können.“ Scherer plädiert dafür, dass Kinder so lange spielen sollten, wie es geht. „Das wird immer unterschätzt, wie wichtig Spielen ist. Beim Spielen mit anderen Kindern lernen sie Kompromisse zu machen, Strategien zu entwickeln und taktisch zu denken.“

          Kann-Kinder werden in der Pubertät oft belächelt

          Viele Eltern würden über die Konsequenzen nicht nachdenken. „Kann-Kinder holen sich oft das Jahr zurück. In der Grundschule können sie noch vieles kompensieren, aber oft bleiben sie dann in den weiterführenden Schulen sitzen“, sagt Scherer. Tatsächlich hat die Bildungsforscherin Gabriele Bellenberg mit einer Studie belegt, dass früher eingeschulte Kinder bis zur 10. Klasse fast doppelt so oft sitzenbleiben wie regulär eingeschulte Kinder. Zudem gilt zu bedenken, dass das Kind immer zu den jüngsten Kindern in der Klasse zählt. Dies macht sich oft in der Pubertät negativ bemerkbar. Während die Älteren sich schon für das andere Geschlecht interessieren, spielen die Jüngeren vielleicht noch mit Lego und werden wiederum belächelt.

          Ob ein Kind schulreif ist, entscheiden die Eltern gemeinsam mit den Erziehern der Kitas. Auch die Schuleingangsprüfung in den Gesundheitsämtern spielt eine Rolle. Darüber hinaus bieten viele Schulen Schnuppertage an, während derer die Kinder schon einen Probeunterricht durchlaufen können, um zu sehen, ob sie es schaffen, einen ganzen Vormittag zum großen Teil sitzend zu verbringen. Trotzdem wird jeder Lehrer und jede Lehrerin am Ende eine Gruppe von Kindern vor sich haben, die zwar schulreif, aber dennoch heterogen ist. „Es gibt nicht nur die Schulfähigkeit eines Kindes“, gibt Plehn daher zu bedenken, „sondern auch die Kindfähigkeit einer Schule. Dazu gehört die Frage, ob die Schule und die Klassenlehrkraft individuell auf ein Kind eingehen kann.“

          Neugier. Alltagskompetenz, Bewusstsein für Sprache: Wie man Kinder fit macht

          Neugier, Alltagskompetenz, Bewusstsein für Sprache: Wie man Kinder Fit macht Grundsätzlich ist es wichtig, die kindliche Neugier zu wecken. Sie ist die Basis aller Kompetenzen, die bis zum Eintritt in die Schule erlernt werden sollen, sagt die Pädagogin Manja Plehn.

          Deshalb sollte man die Kindern animieren, Neues zu entdecken, und die Lust am Ausprobieren fördern. Bewegung ist eine wichtige Komponente, die oft unterschätzt wird, denn durch sie werden die Grob- und Feinmotorik, der Gleichgewichtssinn und die Körperwahrnehmung entwickelt. Statt also zu Hause Vorschulhefte zu bearbeiten, sollten Kinder besser rausgehen und auf Bäume klettern. Oder man lässt sie am Esstisch eine Gurke schneiden und das Brot selbst schmieren, das fördert die Feinmotorik. Wichtig ist die Förderung der Alltagskompetenz. Dazu gehört, dass Kinder wissen, wie sie ein Vorhaben umsetzen. Zum Beispiel: Wenn ich Durst habe, trinke ich, und ich weiß, wo der Becher steht. Eltern sollten also ihren Kindern nicht alles abnehmen, sondern sie früh dazu anhalten, den Alltag selbständig zu bewältigen. Keiner muss lesen können, wenn er in die Schule geht, dennoch sollten Kinder schon früh vielfältige Erfahrungen mit Sprache, Büchern und Schrift machen. In der Pädagogik nennt man das die „Literacy-Erziehung“. Kinder finden Vorlesen toll, noch mehr lernen sie beim dialogischen Lesen, wenn man also gemeinsam über das spricht, was vorgelesen wurde.

          Das hilft Kindern, Sprache und Denken zu entwickeln. Es sollte aber kein Abfragen sein nach dem Motto: „Wie hieß die Hauptfigur?“ Besser ist es, man macht es spielerisch und fragt: „Hast du auch schon mal so einen Quatsch gemacht?“ Perfekt, wenn das Kind dadurch ins freie Erzählen kommt. Oder man fragt konkret: Gibt es bei „Haus“ ein s? Hörst du das „t“ bei „reiten“? So entsteht ein Bewusstsein für Buchstaben.

          Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

          Die digitale Sonntagszeitung

          Zur E-Paper Ausgabe

          Jetzt mit F+ lesen

          Der frühere britische Premierminister Gordon Brown im September 2014, wenige Tage vor dem Referendum, im schottischen Clydebank

          Schottische Unabhängigkeit : Ein gescheitertes Königreich?

          Der frühere britische Premierminister Gordon Brown schlägt Alarm: Die Pandemie hat den Unabhängigkeitsdrang vieler Schotten nicht gebremst. Es drohe das Ende des Vereinigten Königreichs.
          Verschiedene Geldanlagen zu verwalten kann manchem vorkommen wie Jonglage.

          Bilanz ziehen : Neuer Glanz auf altem Vermögen

          So eine Vermögensbilanz kann Überraschungen bergen, Sie aber vor ebensolchen bösen bewahren. Unser Autor hat Tipps zur Aufstellung und zur Umschichtung von Hab und Gut.

          Finale der Vendée Globe : Die große Angst vor dem kleinen Fehler

          Bei der Vendée-Globe-Regatta geht es eng zu wie noch nie. Auch der Deutsche Boris Herrmann hat Chancen auf den Sieg. Auf den letzten Seemeilen spielt die Psyche eine große Rolle – und vielleicht auch alte Zeitgutschriften.
          Im Großbritannien von Premierminister Boris Johnson wird der Astra-Zeneca-Impfstoff schon verabreicht, in der EU noch nicht.

          Astra-Zeneca und die EU : Die große Impfstoff-Irritation

          Die Entscheidung des Impfstoffherstellers Astra-Zeneca die Auslieferung in die EU zu drosseln, sorgt für großen Ärger. Vertreter in Brüssel berufen sich auf vertragliche Zusagen. Es geht um Milliarden und die Reputation.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Dieser Artikel wurde Ihnen von einem Abonnenten geschenkt und kann daher kostenfrei von Ihnen gelesen werden.
          Zugang zu allen F+Artikeln