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Joop über Lagerfeld : „Er war der erste wahre Europäer“

Wolfgang Joop: „Ich brach in Tränen aus, als ich heute Morgen davon erfuhr.“ (Archibvild) Bild: dpa

„Sein Drama ist, dass er nicht ich ist“, hatte Karl Lagerfeld über Wolfgang Joop mal gesagt. Nach dem Tod von Lagerfeld sagt Joop im F.A.Z.-Interview: „Alles ist jetzt passé.“ Es habe keinen gegeben, der großartiger gewesen sei.

          Herr Joop, wie geht es Ihnen nach dem Tod Ihres Kollegen Karl Lagerfeld?

          Ich brach in Tränen aus, als ich heute Morgen davon erfuhr. Ich konnte gar nicht anders. Dabei dachte ich wirklich, er kommt wieder auf die Beine. Auch wenn Freundschaften mit Karl nicht einfach waren, haben wir doch einmal sehr viel Zeit miteinander verbracht. Alles, was an Missverständnissen da war, ist jetzt passé.

          Erinnern Sie sich noch an das letzte Mal, dass Sie ihm begegnet sind?

          Das war im Frühling in Como auf der Stoffmesse. Wir haben immer miteinander geredet, wenn wir uns getroffen haben. Meistens – wie auch dieses Mal – war es ein bisschen Gossip. Er hat für Kollegen oft ganz schön harte Worte gefunden. Aber er wusste immer Bescheid. Er kannte die Tabloid-Presse sehr genau.

          Auch über Sie hat Karl Lagerfeld nicht nur Nettigkeiten verloren. „Sein Drama ist, dass er nicht ich ist“ und „Er kann alles gut imitieren, aber er hat keinen eigenen Stil“ sind nur zwei Beispiele.

          Ja, befreundet waren wir nicht wirklich, aber wir hatten uns gegenseitig auf dem Schirm. Er hatte immer das Gefühl, man hatte ihn nicht richtig lieb. Das Verhältnis war eher nach dem Motto: Entweder nützt du mir und wenn du mir nicht nützt, dann brauche ich dich auch nicht. Aber so laufen die Verhältnisse in der Fashion eben ab. Da gibt es die Clique um Jil Sander, da gab es die Clique um Helmut Lang, da gab's die Clique um Saint Laurent. Das waren kleine Zirkel, die sich gegenseitig nicht so grün waren.

          Karl Lagerfeld 1983 in Paris beim Einkleiden eines Models vor der Chanel-Schau Bilderstrecke

          Dabei haben Sie sich früher, etwa in den Siebzigern in Paris, regelmäßig gesehen.

          Wir waren ein paar Mal essen. Meine damalige Frau Karin und ich haben ihn außerdem auf dem Schloss in der Bretagne besucht ein Wochenende lang. In der ersten Zeit waren wir auch auf seinen Shows eingeladen, aber das erledigte sich in dem Moment, wo ich aufhörte, nur für Zeitschriften zu arbeiten und zu zeichnen und selbst Designer wurde. Karl Lagerfeld hat ja auch keine eigene Company gehabt, sondern ich hatte eine Company. Ich bin ihm ein bisschen davon gelaufen.

          Den Stil der Marke Chanel hat Lagerfeld in den letzten 36 Jahren maßgeblich geprägt. Glauben Sie, dass Chanel das Niveau ohne ihn wird halten können?

          Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so weitergeht. Ich habe mich die ganze Zeit schon gewundert, was da passiert, diese großen Veranstaltungen. Es wirkte etwas démodé auf mich. Wieder ein Riesenschiff, noch mal Bäume abgehackt im Bois de Boulogne – das war sehr gestrig. Das war nicht mehr exklusiv und luxuriös, es war grostesk.

          Was glauben Sie, wird von ihm in Erinnerung bleiben?

          Karl Lagerfeld ist eine der größten Figuren der Nachkriegszeit gewesen in der Mode. Es gab keinen, der großartiger war, und einen größeren Output hatte als er. Das wird nicht wiederholbar sein. Er ist am narzisstischen Syndrom gewachsen. Ich sage immer wieder: Er war der erste wahre Europäer. Aber: Er hat keinen eigenen Stil gehabt. Sein Stil war es, den Stil anderer Leute zu interpretieren.


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