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Wolfgang Joop als Kunstfälscher : Achten Sie auf die Tulpen!

Mit falschen Flamen erfolgreich: Wolfgang Joop verdingte sich einst als Kunstfälscher.
          2 Min.

          Wie? Kann man jetzt nicht einmal mehr unschuldigen Blumen-Stilleben trauen? Muss jetzt womöglich auch die Modegeschichte umgeschrieben werden? Was ist überhaupt noch echt, was von heute, was von gestern? Und Wolfgang Joop selbst, ist er womöglich auch eine Kunstfigur? Joop, dieser Nachname, ist der gleich aus mehrfachem Grund holländisch? Und Wolfgang, diesen Vornamen, hat er den vielleicht auch abgekupfert von – Wolfgang Beltracchi?

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Man könnte zum Verschwörungstheoretiker werden, wenn man die aktuelle Ausgabe der „Weltkunst“ in die Hand nimmt. Denn die Zeitschrift enthüllt, dass Wolfgang Joop, einer der wichtigsten deutschen Modeschöpfer, der nebenbei auch ein hervorragender Zeichner und Maler ist – dass dieser unser Wolfgang Joop, ja, ein Kunstfälscher ist, beziehungsweise genauer und rechtlich unverfänglicher: vor mehr als vier Jahrzehnten war.

          Wie es immer so geht: Er war jung und brauchte das Geld. Die Geschichte begann in den sechziger Jahren, nach seinem abgebrochenen Studium. Joop restaurierte für die Braunschweiger Antiquitätenhändlerin Kristina Kranz alte Gemälde. Von den Ahnherren auf den Porträts waren wegen der dominierenden bleioxidhaltigen Weißtöne nur noch bleiche Gesichter zu sehen. Joop machte aus den Provinzadligen, wie er der „Weltkunst“ sagt, „attraktive höfische Menschen“, steckte ihnen Schmuck an die Finger oder zog ihnen ein neues Kleid an. „Ich pimpte sozusagen die Vorfahren.“ Irgendwann kam er demnach auf die Idee, selbst im Stile der alten Flamen zu malen, am liebsten Blumen-Stilleben à la Jan van Huysum, Jakob van Oost oder Abraham Mignon: „In der Küche meiner Mutter stank es seitdem nach Harzen und Terpentin.“

          Signiert hat er die Gemälde nie. Er gab sie örtlichen Auktionshäusern und erzählte, er habe sie aus der DDR geschmuggelt. Sie zeichneten die Bilder als „Anonymer Meister, 17. Jahrhundert“ aus. Pro Bild gab es laut Joop zwischen 6000 bis 8000 Mark. Dabei ging der junge Maler mit geradezu handwerklicher Akribie und krimineller Energie vor: „Ich hatte mich auf den Dachböden meiner adligen Kunden nach alten Leinwänden umgesehen, die ich verwenden konnte, und Staub gesammelt, mit dem ich die Bilder versetzte.“ Die Farben rührte er aus organischen Materialien nach alten Rezepturen an. Im Backofen ließ er die Bilder altern. Und beim Aufbau hielt er sich streng an das Standardwerk alter Maltechniken von Max Doerner.

          Ein echter Joop: Am liebsten malte er Blumen-Stilleben à la Jan van Huysum, Jakob van Oost oder Abraham Mignon.
          Ein echter Joop: Am liebsten malte er Blumen-Stilleben à la Jan van Huysum, Jakob van Oost oder Abraham Mignon. : Bild: Edwin Lemberg

          Wie bei dem Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der am 27. Oktober vergangenen Jahren in Köln wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, so scheint sich auch beim frühen Joop eine Verehrung der Alten mit einer Verachtung der schnöden Gegenwart zu paaren: „Mein Motor war vor allem die Bewunderung für die alten Meister“, sagt er in dem Interview. Das Zeitgenössische liege ihm nicht: „Es ist mir zu wenig subversiv, zu akademisch glatt – und ich kann keine Installationen mit Leuchtstäben und Fernsehern mehr sehen. Ein im alten Stil gemaltes Bild hat eine ganz andere emotionale Nähe.“

          Gefährlich kann ihm die emotionale Nähe nicht mehr werden – wegen der historischen Ferne. Wenn es denn Betrug wäre, er wäre längst verjährt. Eines der Bilder schenkte er seinen Eltern, heute hängt es in seiner Potsdamer Villa. Die anderen der rund 15 Bilder zieren wohl noch die Wände von Schlössern oder großbürgerlichen Häusern. Aber wie kann man sie erkennen? „Achten Sie auf die Tulpen“, sagt er der „Weltkunst“. „Die gestreiften Tulpen konnte ich besonders gut.“ Schön, dass die Besitzer das nun wissen. Schließlich haben sie jetzt zwar nur einen falschen Holländer, aber dafür einen echten Joop.

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