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Wolfgang Bosbach im Interview : „Der Karneval ist ein Symbol für die klassenlose Gesellschaft“

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Wolfgang Bosbach, in seiner Heimat Bergisch Gladbach seit 1990 Präsident der Karnevalsgesellschaft „Große Gladbacher“, ist seit 1994 Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Das Bild zeigt Bosbach bei der Moderation der fünf Stunden dauernden Prinzenproklamation im Januar. Erst auf dem Flug von Berlin macht er sich Gedanken über die Moderation. Im Flugzeug, sagt er, falle ihm oft nicht viel ein. „Das ändert sich aber, wenn ich einmarschiere. Und in den vergangenen 22 Jahren ist mir noch immer was eingefallen.“ Bild: Edgar Schoepal

Der rheinische CDU-Politiker Wolfgang Bosbach über die Politik der närrischen Tage, die Grenzen des Geschmacks und die therapeutische Wirkung des Feierns.

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          Herr Bosbach, einst waren Sie Bundestagsabgeordneter in Bonn, jetzt in Berlin. Vermissen Sie unter karnevalistischen Gesichtspunkten die frühere Hauptstadt?

          Ja, vor allem deshalb, weil es mir zu Bonner Zeiten immer möglich war, alle Prinzenpaare und Dreigestirne aus meinem Wahlkreis ins Parlament einzuladen. Die haben dann auf der Besuchertribüne eine kurze Ansprache gehalten, danach wurde im Langen Eugen zünftig gefeiert. Die Möglichkeit besteht jetzt in Berlin nicht mehr, schon aufgrund der Entfernung. Außerdem glaube ich nicht, dass der jetzige Parlamentspräsident, obwohl er aus der Karnevalshochburg Bochum kommt, es so gerne sehen würde, wenn Narren die heiligen Hallen des Plenarsaals erobern. Aber immerhin ist die diesjährige Berliner Prinzessin eine Mitarbeiterin meines Bundestagskollegen Schockenhoff, so dass wenigstens so die Beziehung zwischen Karneval und Politik sichtbar wird.

          Muss man sich den Karneval in Berlin als traurige Veranstaltung vorstellen?

          Keine Ahnung. Ich hoffe nicht. Über die Karnevalstage bin ich ja noch nie in Berlin gewesen. Ich bin mir auch sicher, dass die Bürger meines Wahlkreises mich da überhaupt nicht vermuten würden. Im Gegenteil: Sie würden sich ernsthaft Sorgen machen, wenn ich nicht im Rheinland wäre. Nur einmal, noch vor meiner Zeit im Bundestag, ist mir das passiert. Da seh ich mich noch heute auf einer Skihütte in den Alpen sitzen, und im Fernsehen läuft der Kölner Rosenmontagszug. Das war ein echter emotionaler Tiefpunkt. Seitdem bin ich an Karneval immer zu Hause - wie an Heiligabend auch.

          Der frühere Kölner Oberbürgermeister Schramma hat einmal gesagt, an Karneval würden die Knechte zu Herren und die Herren zu Knechten. Stimmt das?

          Eigentlich müssten alle Vertreter der Linkspartei riesigen Spaß am Karneval haben, ist er doch das Symbol für eine klassenlose Gesellschaft. Da tanzt der Vorstandsvorsitzende mit der Reinigungskraft, und nicht, weil er Bürgernähe demonstrieren will, sondern weil das ganz selbstverständlich ist.

          Warum kann dann nicht das ganze Jahr Karneval sein?

          Das wäre genauso ein Widerspruch wie ganzjährig Schützenfest oder ganzjährig Kirmes. Alles zu seiner Zeit. Die Frage ist: Wie gehe ich ab Aschermittwoch mit denen um, denen ich während der tollen Tage fröhlich, offen und herzlich begegnet bin? Dann sollte man sein Verhalten nicht ändern, das ist entscheidend.

          Wäre der Karneval ohne die darauffolgende Fastenzeit nur halb so viel wert?

          Ohne die Fastenzeit gäbe es keinen Karneval! Beides gehört zusammen. Deshalb bin ich auch dagegen, dass der Karneval in die Fastenzeit verlängert wird und die Dreigestirne auch nach der Session noch die Kostüme tragen. Aschermittwoch ist eine Zäsur, die auch ungemein erdet. Ich möchte nicht wissen, wie viele ehemalige Karnevalsprinzen an diesem Tag hinten rechts im Auto einsteigen und sich wundern, dass der Wagen nicht losfährt.

          Worin unterscheidet sich ein Zugwaggon mit besoffenen Fußballfans, die am Wochenende die Sau rauslassen wollen, von einem Zugwaggon mit Jecken, die an Karneval die Sau rauslassen wollen?

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