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Obdachlosigkeit in Deutschland : „Die meisten leben nicht auf der Straße“

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Am Ende meines Studiums der Sozialwissenschaften habe ich eher zufällig in der Obdachlosenhilfe angefangen. Mir persönlich war klar, dass ich vor Obdachlosigkeit geschützt bin, solange ich gesund bin, arbeiten kann und keinen rapiden sozialen Abstieg mache. Aber ganz ausgeschlossen habe ich das nicht, nachdem ich von Einzelfällen gehört hatte, bei denen Menschen mit hoher Qualifikation durch eine Serie von Schicksalsschlägen auf der Straße landeten.

Seit 14 Jahren sind Sie Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe, Ende des Jahres gehen Sie in den Ruhestand. Hat die Intellektualisierung des Leides geholfen, um davon Abstand zu gewinnen?

Schon, aber man ist trotzdem damit konfrontiert und stößt schnell an eigene Grenzen. Ob als Sozialarbeiter auf der Straße oder als Funktionär – man kann nicht allen helfen. Das führt zu Resignation, da braucht es Abgrenzung. Mir helfen dann professionelle Mittel wie die Supervison und normale Freizeittätigkeiten. Ich spiele Gitarre, schreibe Tagebuch. Das andere ist etwas sehr Persönliches: Ich bin Christ und glaube an Gott. Dazu gehören Gebete, das stärkt mich spirituell. Früher war ich sehr stark am Marxismus orientiert, doch bei allem Verständnis für die Analysen und vielen Erkenntnisse konnte ich den Lösungen nicht folgen. Und ich habe festgestellt, dass im Kommunismus viele eschatologische Elemente drinstecken, doch dann bin ich eben aufs Original zurückgekommen: die christliche Hoffnung auf Erlösung.

Gott als Erlöser der Wohnungslosen?

(Lacht) Diese Rolle sollte in erster Linie dem Sozialstaat zukommen. Es gibt heute ja nicht mehr nur christliche Barmherzigkeit, sondern auch menschenrechtliche Deutungsmuster: Obdachlosigkeit verstößt gegen die Menschenwürde, die Hilfe ist kein Almosen mehr, sondern ein Rechtsanspruch der Armen. Aber da gibt es ständige Kämpfe um die Deutungshoheit, ob Armut an gesellschaftlichen Zuständen liegt oder an den Leuten selbst. Das Recht auf Hilfe muss stets neu erstritten werden. Und das schaffen Wohnungslose nicht alleine – zumal sie dieses Stigma meist verbergen. Das war vor 40 Jahren die erste Erkenntnis in meiner Arbeit: Der Augenschein kann trügen. Die meisten Wohnungslosen leben gar nicht auf der Straße, und selbst manche Obdachlose ziehen sich so an, dass man sie niemals erkennt.

Wenn wir über Wohnungslose reden, meinen wir also oft nur diejenigen, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Zustand zu verstecken. Um uns ein adäquates Bild zu machen, müssten wir quasi auch die Unsichtbaren sehen. Wie soll das möglich sein?

Die Sichtbarmachung wäre Aufgabe einer offiziellen Statistik. Die Volkszählung gab es schon im alten Ägypten; der Herrscher muss wissen, wie er die Kornkammern zu füllen hat. Die Gesellschaft kommuniziert über Statistiken mit sich selbst. Außer in England gibt es aber in Europa keine Wohnungsnotfallstatistiken, da findet kein Dialog statt – und da lässt sich auch nicht adäquat helfen.

Weil es diese amtliche Statistik nicht gibt, beruhen die Zahlen auf Schätzungen Ihres Verbandes. Gegner sagen, es sei schlicht nicht möglich, Obdachlose zu zählen.

Schon 1998 hat das Statistische Bundesamt eine Machbarkeitsstudie veröffentlicht. Da wird klar gesagt, eine amtliche Wohnungsnotfallstatistik sei möglich. Nordrhein-Westfalen führt eine solche seit 50 Jahren. Und alle Bundesländer wollen das. Aber die Bundespolitik will das Thema nicht am Hals haben, denn eine solche Statistik würde den Handlungsdruck enorm erhöhen.

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