https://www.faz.net/-gum-93ve8

Obdachlosigkeit in Deutschland : „Die meisten leben nicht auf der Straße“

  • -Aktualisiert am

In Suppenküchen oder Notambulanzen kommt oft über die Hälfte der Hilfesuchenden aus Osteuropa. Städte und Gemeinden wollen ihre Angebote nicht öffnen, weil sie befürchten, dass dann noch mehr Menschen kämen. Ist das nicht verständlich?

Fehler wurden vor allem in der europäischen und der Bundespolitik gemacht. Man hat die Kommunen mit dem Problem alleingelassen. Die Freizügigkeit wurde geschaffen, ohne darauf zu achten, dass es Menschen gibt, die hier versorgt werden müssen. Doch EU-Zuwanderern wird seit Ende 2016 nur eine maximal vierwöchige Nothilfe zugebilligt, sie fallen danach einfach komplett durch das System auf die Straße. Insgesamt gereicht die Binnenmigration Deutschland zum riesigen Vorteil, während die Abwanderungsstaaten Nachteile haben. Viele Menschen zahlen hier Steuern und Sozialabgaben. Allein daraus wächst die Pflicht, die relativ kleine Zahl an armen EU-Migranten zu versorgen. Aber das will heute keiner hören. Migration ist der geborene Sündenbock, um die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich auf die Migranten abzuschieben. Denn die Situation spitzt sich schon lange zu. Unabhängig von der Zuwanderung nimmt die Wohnungsnot seit Jahren zu.

In Metropolen wie Frankfurt oder Berlin ist die Mittelschicht längst von Wohnungsnot betroffen, während in strukturschwachen Regionen massenhaft Wohnraum leer steht. Wäre es nicht sinnvoll, Wohnungslose und Zuwanderer dort unterzubringen?

Menschen die schon lange hier leben, sollte man nicht aus ihrem Umfeld reißen. Aber in Bezug auf neu Zugewanderte muss eine dirigistische Verteilungspolitik erlaubt sein – gerade wenn eine Gesellschaft von Problemen überrascht wird. Wichtig ist nur, das flexibel zu handhaben. Außerdem müssen diese Regionen mehr gefördert werden. Trotzdem wird das allein die Probleme keinesfalls lösen.

Was muss passieren?

Vor dreißig Jahren gab es in Westdeutschland über vier Millionen Sozialwohnungen, heute sind es bundesweit noch etwa 1,3 Millionen. In fast schon blindem Vertrauen hat es die Politik dem Markt überlassen, für günstige Wohnungen zu sorgen. Das ist gescheitert. Der Bund muss sich die Kompetenz für den Wohnungsbau von den Ländern zurückholen und mehr bauen, der Staat muss kommunale Wohnungsbaugesellschaften stärken und die Wohngemeinnützigkeit wieder einführen, also die Förderung von Sozialwohnungen durch Steuererleichterungen. Es braucht auch eine funktionierende Mietpreisbremse und eine stärkere Bekämpfung der Armut.

Balkone neugebauter Sozialwohnungen, aufgenommen im August 2012 in Stuttgart – heute gibt es bundesweit noch etwa 1,3 Millionen Sozialwohnungen. Vor dreißig Jahren waren es vier Millionen alleine in Westdeutschland.

Das klingt nach einem nur schwer zu gewinnenden Kampf – und nach viel Frust. Sind Sie ein Helfertyp?

Ich helfe gern alten Omas über die Straße (lacht). Ich hebe auch Vögel auf und begrabe sie. Da braucht man schon ein Helfer-Gen. Ich erinnere mich gern an meine Großmutter, damals in den fünfziger Jahren. Sie hat mich immer mit einem Groschen an die Tür geschickt, den sollte ich den oft zahnlosen Bettlern geben. Ich wurde früh mit Armut, aber auch mit Wohltätigkeit konfrontiert. 1968 war ich 18 Jahre, ich habe die Umbrüche sehr bewusst mitbekommen und mich entschieden, dass ich etwas zur Verbesserung der Gesellschaft tun will.

Die Obdachlosenarbeit ist eher eine Nische. Wie sind Sie da reingeraten – hatten Sie selbst einmal Angst, wohnungslos zu werden?

Weitere Themen

Topmeldungen

Raffinerie von Aramco.

Börsengang : Aramco will bis zu 22 Milliarden Euro erlösen

Der Konzern gibt Details zum größten Börsengang des Jahres bekannt: In Riad erhofft man sich Erlöse von 22 Milliarden Euro. Privatanleger können die Aktien ab sofort zeichnen. Die Preisspanne für eine Aktie soll bei knapp 7,50 Euro liegen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.