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Obdachlosigkeit in Deutschland : „Die meisten leben nicht auf der Straße“

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Der Obdachlose ist das archetypische Urbild der Armut, das schon in der Bibel und anderen Religionen transportiert wurde. Das hat sich seit 2000 Jahren kaum verändert. Dem, der hilflos und womöglich betrunken in der Gosse liegt, wird unterstellt, dass er sich quasi selbst dort hingelegt hat. Man kann sich nicht vorstellen, dass Menschen teilweise unverschuldet auf der Straße landen. Doch die Realität ist eben komplexer. Zwar sind Schicksalsschläge wie Trennung oder Jobverlust oft Auslöser für den Wohnungsverlust, aber die großen gesellschaftlichen Wirkkräfte, die zum massiven Anstieg der Wohnungslosigkeit führen, sind die zunehmende Verarmung und die Wohnungsnot. Wer zu wenig verdient, und das betrifft immer mehr Menschen, der kann steigende Mieten kaum noch zahlen. Dann kommt die Räumungsklage. So fallen Menschen auch bei gesichertem Sozialstaat aus dem Wohnungsmarkt heraus.

Normalerweise tut man in so einer Situation doch alles, um nicht obdachlos zu werden.

Oft ist das ein langer Prozess mit viel Resignation, Scham oder Depression. Der Briefkasten quillt über, doch man geht nicht mehr hin. Oft vergehen zwischen der Räumungsklage und der Möglichkeit der Übernahme von Mietschulden aber nur vier Wochen. Da muss schnell gehandelt werden, deshalb wurden bundesweit über 100 Fachstellen geschaffen, die von öffentlichen Institutionen über Zwangsräumungen unterrichtet werden und Hilfe anbieten. Aber das ist nicht flächendeckend, im Gegensatz zu Hamburg oder Frankfurt gibt es etwa in Berlin keine ausgebaute Prävention. Auf diesen Mangel geht etwa die Hälfte der 30.000 Wohnungslosen in Berlin zurück. Die andere Hälfte kommt gar nicht ins Räumungsverfahren, viele Betroffene suchen vor der Klage das Weite. Die Zielgruppe hat sich dabei in den letzten 20 Jahren verschoben. Es gibt heute mehr Frauen, mehr Familien und mehr Migranten, die wohnungslos werden.

Inzwischen liegt der Ausländeranteil auch unter den Obdachlosen mancherorts bei 50 Prozent. Inwieweit hat die starke Zuwanderung der letzten Jahre die Situation verschärft?

Natürlich hat dies zum Anstieg der Wohnungslosigkeit beigetragen, das zu leugnen wäre absurd. Rein quantitativ hat die Zuwanderung von Flüchtlingen und EU-Bürgern manche Kommunen an die Grenze des Machbaren gebracht, was die Wohnungsversorgung angeht. Da müssen jetzt Prioritäten gesetzt werden: Wer darf zuerst eine Wohnung beziehen? Das ist eine schwierige Frage, der sich die Politik aber stellen muss.

Von Obdachlosen hört man immer wieder Geschichten, sie hätten lange auf Hilfe vom Amt gewartet, während es für Flüchtlinge plötzlich eine eigene Abteilung gab und Notunterkünfte für Hunderttausende aus dem Boden gestampft wurden.

Dass dieser subjektive Eindruck entsteht, liegt an der großen Aufmerksamkeit für die Versorgung der Flüchtlinge. Ähnliche Maßnahmen gibt es auch für Wohnungslose, nur passiert das meist im Stillen. Es ist nicht so, dass Kommunen Flüchtlinge versorgen, aber Obdachlose nicht, da wird peinlich darauf geachtet. Dennoch gibt es in bestimmten Bereichen seit jeher eine Unterversorgung Obdachloser – so wie übrigens auch von Geflüchteten. Vor allem weigern sich viele Kommunen aber, Obdachlosenunterkünfte für EU-Migranten zu öffnen. Das ist menschenverachtend und rechtswidrig. Kommunen sind ordnungsrechtlich verpflichtet, allen Menschen ein Dach über dem Kopf anzubieten.

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