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#Wirsindmehr in Chemnitz : „Dorthin, wo es brennt“

Kommen aus Chemnitz und spielen diesen Montag in Chemnitz: Kraftklub Bild: AP

Zehntausende Menschen werden in Chemnitz zum #wirsindmehr-Konzert erwartet. Die Veranstaltung soll ein Zeichen gegen rechts setzen – für viele Kritiker ist das nicht genug.

          3 Min.

          Der Moment, als die Stimmung beim Bürgergespräch in Chemnitz am vergangenen Donnerstag kippte, war der Moment, als zum ersten Mal der Name der Band „Kraftklub“ fiel. Buhrufe, Pfiffe, Beschimpfungen prasselten auf den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer ein, der sich nur noch damit zu helfen wusste, zu sagen, er könne das von den Musikern am Montag in Chemnitz geplante Konzert nicht verhindern. „Das muss man hinnehmen“, sagte der CDU-Politiker. Und so werden voraussichtlich Zehntausende Menschen aus ganz Deutschland in die Stadt in Sachsen reisen, die nicht mehr zur Ruhe kommt, seit dort vor mehr als einer Woche ein 35 Jahre alter Deutscher durch eine Messerattacke getötet wurde. Weil ein Iraker und ein Syrer tatverdächtig sind, war es bei Demonstrationen von Rechten und Gegendemonstranten danach immer wieder zu Krawallen gekommen.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Chemnitzer Band Kraftklub stürzte sich vergangene Woche in diese Gemengelage, am Donnerstag schrieben die Musiker auf Facebook: „Wir spielen in unserer Heimatstadt. Und wir sind nicht allein! Kommt alle am Montag zum Karl-Marx-Kopf. Kostenlos und draußen. #wirsindmehr”. Das Line-up verspricht Party: die Über-Live-Band Kraftklub, die einen tanzbaren Indiemainstreamhit nach dem anderen liefern, richten aus; die Szene-Stars von K.I.Z. heizen auf, die Punker von Feine Sahne Fischfilet provozieren, die Popboys Marteria und Casper ziehen an; die Punklegenden Die Toten Hosen schließen ab. Auch die Location verspricht Party: das Konzert wurde wegen des großen Andrangs verlegt, ursprünglich sollte es am Karl-Marx-Denkmal ausgetragen werden.

          Streit um Veranstaltung

          Nun findet es 400 Meter weiter auf einem großen Parkplatz an der Johanniskirche statt, der der erwarteten Besucherzahl gewachsen ist. Am Karl-Marx-Kopf wird darüber hinaus eine Bühne aufgebaut, auf der DJs nach dem Konzertende um 21.15 Uhr für Stimmung sorgen sollen. Die Teilnehmerzahl verspricht Party: Allein am Facebook-Event nehmen derzeit 36.000 User teil, 119.000 interessieren sich für die Veranstaltung. Es könnte also alles eine einzige große Party werden – wären da nicht der Mord und die Nazis.

          Die Veranstaltung soll deswegen um 17 Uhr mit einer Schweigeminute beginnen. Trotzdem heißt es in Kommentaren unter Facebook-Posts von AfD Politikern zum Beispiel: „Ein Mensch ist ermordet worden! Es besteht kein Anlass für kreischende und grölende Bands. Das ist völlig empathielos und inakzeptabel.“ Die Band Feine Sahne Fischfilet schrieb dazu, dass es nicht das Ziel der Künstler sei, eine Party zu feiern. Es gehe darum, „unsere Abscheu darüber auszudrücken, dass Menschen so einen Mord instrumentalisieren, um ihrem Rassismus freien Lauf zu lassen.“ Gerade über die Teilnahme der Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern sind aber viele entsetzt. Die Band wurde wegen ihrer Nähe zu Linksradikalen mehrfach in den Verfassungsschutzbericht aufgenommen und veröffentlichte Zeilen wie „Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck“.

          Vor allem der Auftritt der Punkband Feine Sahne Fischfilet sorgt für Kritik – hier beim Musikfestival Rock im Park.

          Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Veranstaltung auf Facebook geteilt hatte, wurde er heftig kritisiert. AfD-Chef Jörg Meuthen schrieb auf Facebook: „Bundespräsident wirbt für linksradikale Punkrocker“, der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach sagte der „Bild“, dass diese Band „mit ihrer Verachtung für unser Land die völlig falsche Besetzung“ sei.

          Gleichzeitig kam aber auch aus linken Kreisen Kritik an dem Event-Charakter der Veranstaltung auf. Ein Jugendarbeiter aus Sachsen schrieb auf Facebook: „Hört mir auf mit diesem #wirsindmehr Mist! Wir sind nicht mehr, wir sind die Minderheit in Sachsen.“ Man brauche keine „beschissenen Tagesevents, die einem das Gefühl vermitteln, auf der richtigen Seite zu stehen ohne mehr dafür tun zu müssen, als auf ein beschissenes Konzert zu gehen“. In einem Update stellte der Jugendarbeiter später klar, dass er sich durchaus wünsche, dass die Menschen am Montag auf das Konzert gingen – aber dann auch am Dienstag „dorthin, wo es auch brennt!“ Feine Sahne Fischfilet gaben ihm recht: Es könne „nicht nur darum gehen, Montag dort hinzufahren, ein nettes Selbstbestätigungsfoto auf Instagram, Facebook, wo auch immer zu posten und zu sagen #wirsindmehr,”.

          Viel wichtiger sei es, zu verstehen, dass „Faschos keine kleine Randgruppen seien“ und dass „die Mitte der Gesellschaft kein Problem mehr mit rechtsradikalen Positionen“ habe. Die „geilen“ Leute aus der Provinz, die eben rechtes Gedankengut nicht teilten, bräuchten Unterstützung. Die Band selbst toure deshalb durch die Provinzen. Wenn am Montag 10.000 Leute zusammenkämen „und es auch nur für einen Tag schaffen, dem Rassistenmob zu zeigen, dass es da noch Leute gibt, die ihnen die Straße streitig machen, dann ist das der Hammer“. Das könne aber nicht alles sein, im Gegenteil, dies dürfe erst der Anfang sein.

          Für die Konzertbesucher bieten viele Chemnitzer Bürger im Internet kostenlos ihr Sofa an. Die Stadt ist am Montag komplett ausgebucht. Große Gegenveranstaltungen werden nicht erwartet. Die Gegner des Konzertes warben zunächst sogar dafür, dass sich möglichst viele Menschen für das entsprechende Facebook-Event anmelden – damit es aus Sicherheitsbedenken abgesagt werden müsse. Andere riefen dazu auf, sich bei dem Konzert unter die Menge zu mischen und die Auftritte zu stören. Rechtsextreme hatten zwar für 16 Uhr zu einer „Thügida“-Kundgebung in der Innenstadt aufgerufen. Die Stadt erklärte aber auf Anfrage von FAZ.NET: „Aufgrund der bereits belegten Veranstaltungsfläche wird die für heute angemeldete Kundgebung von Thügida nicht genehmigt.“ Beobachter vor Ort befürchten aber, dass noch immer rechtsradikale Hooligans in der Stadt unterwegs sind und Streit und Gewalt suchen. Die AfD will am Montagabend um 19 Uhr bei einem „politischen Abend“ darüber reden, „ob Deutschland noch zu retten ist“ – zehn Kilometer entfernt von dem Gelände, auf dem die Rocker, Punker und Rapper auftreten.

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