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Winzer aus Leidenschaft : 72 Tage Haft für einen illegalen Roten

Weinselig: Heinrich Vollmer und sein Cabernet-Sauvignon-Rebstock Bild: Wonge Bergmann

Heinrich Vollmer hat als erster Winzer in Deutschland Cabernet Sauvignon angebaut. Die Rebsorte war vor 25 Jahren aber noch verboten. Der Pfälzer wanderte dafür fast ins Gefängnis.

          5 Min.

          Heinrich Vollmer hat zwei Leidenschaften. Die eine hat ihn fast umgebracht, die andere beinahe ins Gefängnis. Beide Geschichten und Dutzende andere Anekdoten erzählt der Zweiundsechzigjährige immer wieder mit einem solchen Enthusiasmus, als sei das alles gerade erst passiert, vor ein paar Wochen, ein paar Monaten vielleicht. Dabei liegt die Sache mit der Eislawine in den Anden fast 30 und die Auseinandersetzung mit den deutschen Gerichten genau 25Jahre zurück. Losgelassen haben beide Geschichten den Pfälzer, der eigentlich ein Badenser ist, aber nie. Wie auch?

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seine Liebe zur Bergsteigerei entdeckte Vollmer später als jene zum Wein. Letztere bekam er nämlich von seinem Vater, einem Weinbauern im badischen Durbach quasi in die Wiege gelegt. Schnell wurde ihm klar, dass auch er Wein machen wolle - drei Jahre Lehre in Beaune im Burgund erwiesen sich als ideale Grundlage dafür. Aber auch die Leidenschaft für die Berge und das Klettern erwachte bald, bei den Gebirgsjägern, bei denen er seinen Wehrdienst leistete.

          Chuzpe, Selbstbewusstsein und Überzeugungskraft

          Wie der kaum Fünfundzwanzigjährige dann Anfang der siebziger Jahre nicht in der Heimat, sondern im pfälzischen Ellerstadt tatsächlich zu seinem eigenen Weingut kam und es innerhalb von wenigen Jahren zu einem der größten weit und breit machte, auch das gehört zu den vielen Wechselfällen und Überraschungen, die das Leben für Heinrich Vollmer bereitgehalten hat. Die Sparkasse in Mannheim lieh ihm schließlich das nötige Kapital - ein Vorschuss den der junge Winzer leidlich nutzte. Denn auf seinen Flügen in die Anden, wo er seit 1976 regelmäßig auf die Jagd nach Siebentausendern und neuen Grenzerfahrungen ging, erregte er sich über das schlechte Weinangebot über den Wolken. Mit der ihm heute noch eigenen Mischung aus Chuzpe, Selbstbewusstsein und Überzeugungskraft ging er zur Lufthansa und zu anderen Fluggesellschaften - und lieferte ihnen schon wenige Monate später seinen Spätburgunder. Aus dem kleinen Weingut wurde schnell ein großer Betrieb mit heute 105 Hektar Fläche.

          Schon damals war Vollmer überzeugt, dass auf seinen Böden am Fuße des Mittelhaardt-Gebirges nicht nur Spätburgunder oder Dornfelder, sondern auch andere rote Rebsorten wie Merlot und vor allem Cabernet Sauvignon gedeihen würden, obwohl sie vom deutschen Gesetzgeber verboten waren. Aber bis zum Zusammenprall mit dem Amtsschimmel in Gestalt der rheinland-pfälzischen Weinbürokratie sollte es noch zehn Jahre dauern. Zuvor ereilte den dynamischen, immer zu neuen Experimenten bereiten Jungwinzer ein Schicksalsschlag, der auf den Fortgang der Ereignisse großen Einfluss haben sollte - auch auf die Sache mit dem Cabernet Sauvignon.

          „Ich war ja offiziell tot“

          „Ich war ja offiziell tot“, sagt Heinrich Vollmer heute mit ernster Miene und lässt dann doch noch ein Lächeln über sein Gesicht huschen. Eine Eislawine erfasste ihn und acht weitere Bergsteiger 1983 am Westhang des Huascarán, des höchsten Berges Perus. Einheimische bargen die beiden Überlebenden, schwer verletzt und erblindet, und trugen sie in ihr mehr als 70Kilometer entferntes Dorf. Während seine Lebensretter ihn pflegten, wurde Vollmer in Deutschland für tot erklärt. Erst Wochen später kam er zurück in die Heimat - mit dem Versprechen, zur Erinnerung an den Unfall ein Haus zu bauen und aus Dankbarkeit in Südamerika ein Weingut für die Indigenen zu kaufen.

          Der bei dem Unfall am Berg eingetretene Sehverlust hielt noch mehrere Monate an. Eine Operation in einer Münchener Spezialklinik lehnte Heinrich Vollmer ab, kehrte nach Ellerstadt zurück - und erlangte sein Augenlicht bei einem großen Gelage mit seinen Freunden wieder. „Ob Sie’s glauben oder nicht, wir waren zu zwölft, haben in einer Nacht 84Flaschen Wein getrunken, und morgens um halb sechs konnte ich wieder sehen.“ Wieder so eine Geschichte, wie sie offenbar nur Heinrich Vollmers Leben schreibt.

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